Der verlorene Sohn – Eine Weihnachtsgeschichte

Weihnachten 2014

Weihnachten im Hause der Dyrnes lief meist recht unspektakulär ab. Da Mrs Dyrnes Familie in Kanada lebte und Mr Dyrnes Verwandte entweder bereit verstorben oder vor Jahren nach Südengland gezogen waren, wurde nur im kleinsten Kreis gefeiert. Dieser bestand in den meisten Jahren, so wie auch in diesem Jahr, nur aus Mr Dyrnes älterem und unverheirateten Bruder Ernest aus dem heimatlichen Durham.
 —-Zur Feier des Tages (und mit einem gewissen Anflug an Nostalgie) hatte Bill Dyrne einige Familienalben herausgekramt und nun saßen er und sein Bruder über die verblichenen und entweder unter- oder überbelichteten Polaroids aus ihrer Kindheit gebeugt und schwelgten in Erinnerungen.
—-„Erinnerst du dich noch an Weihnachten 1972?“, fragte Ernest und hielt grinsend seinem Bruder ein besonders schlecht geratenes Foto hin. „Das waren noch Zeiten.“
—-„Oh ja, die Geschichte von den verlorenen Geschenken“, lachte Bill, als er das Gesicht seines Bruders auf dem Foto sah, und wischte sich eine kleine Lachträne aus dem Augenwinkel. „Daran kann ich mich noch lebhaft erinnern. Du warst so aufgebracht und schockiert und keiner wusste, warum.“
—-Ernest schmunzelte in seinen Tee. „Du hast mich noch Jahre danach damit aufgezogen.“
—-Gwendolyn kam ins Wohnzimmer, einen Teller mit Plätzchen und Mandarinen in jeder Hand, die sie graziös auf dem niedrigen Tischchen vor dem Kamin abstellte. Sie trug ein langes, grünes Kleid mit roten und goldenen Verzierungen, hatte die Haare kunstvoll hochgesteckt und von ihren Ohren baumelten kleine Weihnachtskugeln. Nicht zum ersten Mal empfand Ernest Unglauben darüber, dass sein unbeholfener, grobschlächtiger Bruder so eine liebreizende, elfenhafte Frau hatte für sich gewinnen können.
—-„Noch Wein, Ernest?“, fragte Gwen mit einem Lächeln. „Oder vielleicht einen Tee?“
—-„Wie? Oh nein, vielen Dank, ich habe noch genug.“
—-„Und du, Bill?“, wandte sie sich an ihren Mann.
—-Bill überlegte für einen Moment und wiegte dann seinen Kopf hin und her. „Ich glaube, Tee ist gut. Vielen Dank, Liebes.“
—-Gwen kehrte wenige Minuten später mit Bills Tee zurück, griff sich ein Plätzchen und ließ sich auf einen der noch freien Sessel sinken. „Das Essen wird auch in Kürze fertig sein.“
—-Es gab einen köstlichen Truthahn, dazu goldbraun gebackene Kartoffeln mit Gemüse, von dem sich Ernest zweimal nachnahm, während er abwechselnd mit Bill und Gwen laut knallend einige Weihnachtscracker öffnete. Als Gwen schließlich, mit Papierkrönchen und Luftschlangen dekoriert, den Pudding und das Shortbread servierte, stöhnte er laut: „Erbarmen, Gwen! Du bringst mich noch um!“ Gwen grinste ihn nur verschmitzt an.
—-Ernest schluckte den letzten Bissen seines Weihnachtspuddings herunter und lehnte sich entspannt in seinem Stuhl zurück.
—-„Noch Wein?“, fragte Bill und füllte ihre Gläser auf, bevor irgendjemand etwas sagen konnte. Gwen begann zu kichern und auch Ernest fühlte sich beschwingt. Er nippte an seinem Wein.
—-„Hm“, machte er dann, „schade eigentlich, dass Sifa heute nicht hier sein konnte.“
Gwens Lachen erstarb und Bill, der gerade das Glas an die Lippen setzte, hielt inne. Seine Hand zitterte fast unmerklich, als er sie sinken ließ. Die Stimmung war auf einmal merklich abgekühlt.
—-„Er ist noch immer im Ausland“, sagte Gwen schließlich und starrte dabei auf eins der Rentiere auf der bunten Weihnachtstischdecke.
—-Ernest nickte langsam und erwiderte nicht sofort etwas. Schließlich fragte er: „Wo macht er nochmal sein Auslandsjahr?“
—-Bill machte Anstalten, etwas zu sagen, aber er musste sich ein paar Male räuspern, ehe er antworten konnte. „London“, sagte er dann. Gwen starrte immer noch das Rentier an.
—-„Und er konnte Weihnachten nicht mit seiner Familie verbringen?“, fragte Ernest in neutralem Tonfall und sah dabei in den letzten Rest seines Weins.
—-„Es hat nicht gepasst“, murmelte Gwen leise.
—-„Hm“, machte Ernest. Dann sah er auf und lächelte. „Ich bin sicher, er verbringt ein schönes Weihnachtsfest mit seinen Freunden. Habt ihr Cass und den Kindern Bescheid gegeben? Sie würden sich wirklich freuen, wenn er zu Besuch käme.“
—-Gwens Augen weiteten sich und sämtliche Farbe wich aus ihrem Gesicht. „N-nein“, stotterte sie. „Das haben wir versäumt.“
—-„Ein Missgeschick, wirklich“, warf Bill ein, aber auch er wirkte angespannt. „Ich werde sie gleich morgen anrufen.“
—-Ernest sah von einem zum anderen und stellte seine Tasse mit einem hörbaren Klirren zurück auf die Untertasse. „Es ist das zweite Mal innerhalb eines Jahres, dass Sifa völlig unangekündigt ‚im Ausland auf Studienreise‘ ist. Erst Frankreich und jetzt London?“ Gwen wich seinem Blick aus und Ernest stieß einen tiefen Seufzer aus. „Bill“, wandte er sich an seinen Bruder. „Ist er wirklich in London?“
—-Bill sah ihn an. Er wirkte auf einmal um zehn Jahre gealtert. „Er ist am achtzehnten August nach London gefahren.“
—-„Und wo ist er jetzt?“
—-Plötzlich begann Gwen laut zu schluchzen. Sie presste sich ihre Serviette vor den Mund, während ihr die Tränen übers Gesicht rannen. Es war für beide Männer ein Schock. Gwendolyn Dyrne war keine Frau, die zu Hysterie neigte oder weinte, wenn das Leben mal etwas schwieriger verlief. Sie war eine Frau der Tat löste schob das Problem, während andere noch dabei waren, das Ausmaß eben jenes Problems zu erfassen. Ernest hatte sie in den ganzen zwanzig Jahren, die er sie nun schon kannte, noch kein einziges Mal weinen gesehen. Da wurde ihm bewusst, wie ernst die Situation wirklich sein musste.
—-„Ich glaube, ich habe eure Gastfreundschaft lang genug beansprucht“, sagte er und stand auf. „Entschuldigt mich.“
—-Als er sich den Mantel anzog und den Hut aufsetzte, kam Bill zu ihm in den Flur. Er wirkte angespannt.
—-„Hör zu, Ernest –“, begann er, aber Ernest unterbrach ihn.
—-„Es tut mir leid, Bill. Ich hatte keine Ahnung, wie kompliziert es alles ist.“
Bill sagte nichts, sondern stand nur da mit hängenden Schultern.
—-„Sind es Drogen? Irgendwelche Banden? Ärger mit der Polizei? Du weißt, ich kann euch bei sowas helfen.“
—-Bill schüttelte den Kopf. „Nein – nein, es ist nichts dergleichen, es ist nur …“ Er brach ab. Ernest studierte ihn aufmerksam.
—-„Was ist es dann, Bill? Du kannst es mir sagen. Das weißt du.“
—-Bill zögerte für einen Moment. Er öffnete den Mund, schloss ihn aber unmittelbar wieder.
—-„Um Himmels Willen, Bill, was ist denn so Schreckliches passiert, dass du es mir nicht sagen kannst?“, entfuhr es Ernest.
—-„Es – es ist nicht Sifas Schuld, weißt du“, begann Bill. Er sah Ernest nicht an, sondern starrte in die Ferne. „Er ist ein guter Junge. Er ist mutig und …“ Er brach ab und blickte auf seine Hände. Seine Stimme war belegt, als er schließlich sprach.
—-„Weißt du, wir haben immer gewusst, dass wir ihn nicht ewig haben können. Dass er nicht hierher gehört. Dass er irgendwann … irgendwann fortgehen würde, sich seinem Schicksal stellen würde. Wir haben lange geglaubt, dass alles gut wird. Es kann ja gar nicht anders enden, oder? Ich meine, es ist unser Junge. Aber irgendwann haben wir dann doch … wir haben …“ Er unterbrach sich. „Weißt du, man hat das so im Gefühl als Eltern. Wie es deinem Kind geht. Ob es krank ist. Ob es unglücklich ist, oder sich freut. Egal wo es ist. Und dann, vor einigen Tagen … Gwen hatte so ein ungutes Gefühl, und ich auch … wir haben versucht, es zu ignorieren, aber dann erhielten wir …“ Er schloss für einen Moment die Augen und holte dann tief Luft.
—-„Wir befürchten, dass Sifa tot ist.“


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