Conlanging – Das Lautinventar entwickeln (Teil 2: „Nicht-europäische Phoneme“)

Im vorherigen Beitrag haben wir uns ein wenig genauer angeschaut, welche Laute und Lautkombinationen eine Sprache besonders elegant klingen lassen sollen. Heute kehren wir einmal allen bisher erwähnten Lauten den Rücken zu und widmen uns den für westliche Ohren ungewohnten und vielleicht sogar unbekannten Lauten.

Lautinventar 2: Eine möglichst „nicht-europäische“ Sprache entwickeln

Eine „nicht-europäische“ Sprache zu entwickeln bietet sich ganz besonders dann an, wenn man den Lesenden oder Zuschauenden deutlich machen möchte, dass dieses Volk, mit dem sich die (weißen, westlich gecodeten Protagonist*innen) gerade unterhalten), definitiv aus einer ganz anderen, weit entfernten Ecke des Planeten stammt, oder vielleicht sogar aus einer ganz anderen Welt.

Bevor wir uns auf unsere phonetische Reise begeben, ein kurzer „Fun Fact“ vorneweg: Die afrikanische Sprache !Xóõ weist über 130 Phoneme insgesamt auf. Das ist in etwa das Vierfache von dem, was wir im Deutschen so produzieren, also wer sich vielleicht ein wenig inspirieren lassen möchte, sollte sich diese Sprache unbedingt einmal anschauen.

Begeben wir uns jetzt einfach einmal auf eine kurze Exkursion durch das IPA und schauen uns die ungewöhnlichsten Laute in den Sprachen der Welt ein wenig genauer an:

1. Clicks /ʘ, ǀ, ǃ, ǂ, ǁ/

Gerade mal 1,8% aller Sprachen verwenden Klicklaute, und alle davon werden auf dem afrikanischen Kontinent gesprochen. Wer ein bisschen Zeit hat, sollte sich unbedingt mal den „Click Song“ auf Youtube ansehen, denn da werden einem alle diese Klicklaute wunderbar vorgespielt. Clicks werden auch „Schnalzlaute“ genannt, und wenngleich wir sie nicht in unserem deutschen (oder indo-europäischen) Lautinventar haben, benutzen wir sie durchaus auch im Alltag, z.B. /ǁ/ ist der Laut, wenn wir z.B. ein Pferd antreiben wollen, und mit einer Reihe von /ǀ/ locke ich meinen Kater an. Sie werden allesamt gebildet durch zwei Verschlüsse im Mund, einer hinten durch Anheben der Zunge, und der zweite an einer anderen Stelle, je nach Art des Clicks. Am Anfang ist es immer etwas schwierig, Clicks mit umliegenden Lauten innerhalb eines Wortes zu verbinden, aber mit ein bisschen Übung bekommt man das schnell hin.

  • Einige Sprachen, die Clicks aufweisen: Zulu, Xhosa, Dalaho, Yeyi

2. Ejektive /p’, t’, k’, s’/

Ejektive kommen in gerade mal 20% Prozent aller Sprachen vor und klingen ein wenig so, als würde jemand einen (zugegeben sehr kleinen) Sektkorken knallen. Sie entstehen dadurch, dass ein Überdruck zwischen Kehlkopf und oralem Verschluss gebildet wird – anders als bei „normalen“ Lauten (sog. pulmonalen Lauten), bei denen der Überdruck durch die der Lunge entströmende Luft erzeugt wird.

Man kann Ejektive ganz einfach bilden, indem man einatmet, die Luft anhält, als wäre man unter Wasser, und dann einen beliebigen Laut bildet, z.B. /p/. Ejektive sind aufgrund ihrer Bildungsart immer stimmlos. Der am häufigsten vorkommende Ejektiv ist /k’/, der seltenste /p’/. Wer also seine Sprache noch ein bisschen „extra special“ machen möchte, packt am besten ein ejektives /p’/ mit rein.

  • Einige Sprachen, die Ejektive aufweisen: Georgisch, Aymara, Quechua (südliche Varianten), Sandawe

3. Implosive /ɓ, ɗ, ʄ, ɠ, ʛ/

Sie sind quasi die Gegenstücke zu den Ejektiven und der Name verrät eigentlich schon viel über ihre Bildung: Statt dass Luft herausgestoßen wird und mit einem Überdruck hinter einem Verschluss nach draußen freigelassen wird, strömt bei ihrer Bildung die Luft nach innen. Der Kehlkopf wird so gesenkt, dass es zum Überdruck zwischen oralem Verschluss und Kehlkopf kommt, und ein Druckgefälle zur Lunge hin entsteht. Wird dann der Verschluss im Mund gelöst, entsteht ein Implosiv. Soviel zur Theorie. Mir selber ist meines Wissens noch keiner gelungen.

Sie sind eigentlich fast immer stimmhaft und klingen in meinen Ohren ein kleines bisschen so, als würde man jemandem die Luft abschnüren, vor allem am Ende einer Silbe oder eines Worts – wer weiß, was das für euer Fantasievolk vielleicht bedeuten könnte?

  • Einige Sprachen, die Implosive aufweisen: Vietnamesisch, Hausa, Khmer

4. Bilabialer Vibrant /ʙ/ 

Der bilabiale Vibrant wird gebildet, indem die Unterlippe gegen die Oberlippe flattert. Macht den Laut nach, den ein schnaubendes Pferd macht, und ihr habt einen bilabialen Vibranten. Er kommt in etwa 8% aller Sprachen vor und ist ausschließlich stimmhaft.

  • Einige Sprachen, die den bilabialen Vibranten aufweisen: Pirahã, Wari‘, Titan, Ngwe


5. Alveolare Lateralfrikative /ɬ, ɮ/

Versucht, gleichzeitig ein /l/ und ein /x/ („ch“ wie in „ich“) zu bilden, und ihr habt den Laut /ɬ/, der im Walisischen mit „ll“ geschrieben wird und meiner Meinung ein bisschen so klingt, als hätte man Wasser im Zahn. Jetzt sollte auch die Aussprache von Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch definitiv kein Problem mehr sein. Es gibt auch eine stimmhafte Entsprechung dieses Lauts.

  • Einige Sprachen, die den stimmlosen alveolaren Lateralfrikativ aufweisen: Walisisch, Navajo, Kalaallisut, Klingonisch
  • Einige Sprachen, die den stimmhaften alveolaren Lateralfrikativ aufweisen: Zulu, Mongolisch, Tera

6. Retroflexe /ʈ, ɖ, ɳ, ɽ, ʂ, ʐ, ɻ, ɭ/

Retroflexe sind mit eines der typischsten Merkmale indischer Sprachen. Sie ersetzen oft die alveolaren Laute /t, d, n, r, s, z, l/ im Englischen, was den charakteristischen Klang des indischen Englisch ausmacht. Gebildet werden sie, indem man die Zungenspitze etwas einrollt, hinter den Zahndamm legt und dann die Laute /t, d, n, r, s, z, l/ versucht auszusprechen.

  • Einige Sprachen, die Retroflexe aufweisen: Hindi, Tamil, Paschtu, Schwedisch


7. Pharyngale /ħ, ʢ/

Pharyngale sind typisch für arabische Sprachen und werden wie ein ganz tief im Rachen steckendes /h/ gebildet – nein, noch tiefer. Es gibt sie sowohl stimmlos als auch stimmhaft. Etwa 5% aller Sprachen haben Pharyngale.

  • Einige Sprachen, die Pharyngale aufweisen: Dalaho, Dargwa


8. Doppelte Plosivartikulation /k͡p, g͡b/

Doppelte Artikulation bezeichnet einen komplexen Laut, bei dem an zwei Artikulationsstellen gleichzeitig ein Laut gebildet wird. Beispielhaft soll hier die doppelte Plosivartikulation dienen: Die gleichzeitige Bildung von /k/ und /p/, bzw. /g/ und /b/ erfordert ein bisschen Übung, aber wenn man es einmal drauf hat, klingt es ziemlich cool. Man formt die Lippen zu einem /p/ bzw. /b/, währen die Zunge im Rachen angehoben wird zu einem /k/ bzw. /g/, und dann werden beide Verschlüsse gleichzeitig geöffnet.

  • Einige Sprachen, die doppelte Artikulation aufweisen: Bassa, Yoruba, Shona, Englisch

Es gibt definitiv noch eine ganze Reihe Laute mehr, die ich jetzt hier nicht erwähnt habe, die aber dennoch in den Sprachen der Welt kaum vorkommen, wie z.B. behauchte Vokale, Nasalvokale oder knarzende Vokale. Der World Atlas of Language Structure (WALS) ist eine ganz gute Anlaufstelle, weil man da nicht nur als Linguist eine ganze Menge über ungewöhnliche Laute und andere sprachliche Phänomene herausfinden kann.

Aber auch die Abwesenheit von häufigen Lauten kann ungewöhliche Resultate erzielen: Eine Sprache so komplett ohne /p t k m n/ (den häufigsten Konsonantenphonemen der Welt) hört sich bestimmt auch ganz interessant an …


Nächstes Mal gehts dann weiter mit „Conlanging – Das Lautinventar entwickeln (Teil 3: „Hart“)“!

5 Gedanken zu “Conlanging – Das Lautinventar entwickeln (Teil 2: „Nicht-europäische Phoneme“)

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