Worldbuilding – Dialekte und Sprachunterschiede

Man muss kein Sprachwissenschaftler sein, um sprachliche Unterschiede in seiner Welt zu kreieren – deshalb ist dieser Beitrag auch nicht mit „Conlanging“ betitelt.
Wie jeder von uns definitiv weiß: In anderen Bundesländern und Regionen sprechen die Leute anders. Nehmen wir z.B. mal die Berliner, die Sachsen, oder die Bayern. Drei völlig unterschiedliche Dialekte, mit so verschiedenartiger Aussprache des Deutschen, dass man sich wundern könnte, wie das überhaupt noch die gleiche Sprache sein kann.

Was ist Dialekt? 

Als Dialekt wird eine Abweichung von der Standardsprache bezeichnet, sowohl in Wort als auch z.T. in Schrift. Vor allem in der Aussprache und im Wortschatz haben Dialekte eine besondere Ausprägung, die sie von der Standardsprache unterscheiden – aber auch in den Bereichen der Morphologie und Syntax können Sprachunterschiede auftreten. Neben räumlichen Sprachunterschieden (z.B. Sächsisch in Sachsen, Berlinerisch in Berlin), können Dialekte auch soziale Unterschiede kennzeichnen (z.B. RP oder „Oxford English“ vs. Cockney im Englischen).

Was sind nun die Funktionen von Dialekt und sprachlichen Unterschieden?

Ich habe schon mehrfach in meinen Conlanging-Beiträgen erwähnt, dass man von Sprache auch immer auf Kultur und Verhalten schließen kann. Und diese Schlussfolgerung von Sprache auf Kultur ist eben genau in der Phantastik so wichtig, weil sie der Welt, in der wir uns bewegen, eine Tiefe verleiht, die über das bloße Erklären und Beschreiben von Orten, Ländern und Völkern hinausgeht. Der Leser kann unterbewusst Informationen aus der Sprache und den sprachlichen Unterschieden herausfiltern, die man vielleicht sonst nie oder nur sehr umständlich anderweitig einbauen könnte. Deshalb finde ich es so faszinierend, wie verhältnismäßig wenig auf sprachliche Unterschiede in der Phantastik eigentlich eingegangen wird. Mir persönlich sind vielleicht maximal zwei Fantasywerke bekannt, in denen irgendwann mal auf sprachliche Unterschiede eingegangen wird, selbst wenn die Welt eine oder mehrere Kunstsprachen aufweist und ein oder mehrere Personen gibt, die mit Akzent sprechen.

Das ist vor allem sehr auffällig in der Sci-Fi: Aliensprachen haben grundsätzlich keine Dialekte, und es gibt auch nur genau eine einzige Sprache auf dem ganzen Planeten. Man kennt das Szenario bereits: Die intergalaktische Entdeckertruppe landet auf einem fremden Planeten und wird von dem Anführer des Planeten begrüßt (auch sehr spannend, dass der ganze Planet nur einen einzigen Anführer haben soll …). Das Crewmitglied, das von diesem Planeten stammt, übersetzt natürlich fehlerfrei, und kann sich außerdem noch jedem dort verstehen, sogar den Rebellen aus einem fürchterlich abgelegenen Teil des Planeten, der wütend versucht, die Friedensverhandlungen zwischen unserer intergalaktischen Entdeckertruppe und dem Anführer des Planeten zu verhindern.

Was mich ein wenig daran verwirrt ist folgendes: Ein Planet, von mindestens der Größe der Erde, soll nur über eine einzige Sprache verfügen? Die auch noch jeder völlig akzent- und dialektfrei spricht? Nicht mal Englisch, das sich bei uns mittlerweile als eine Art Weltsprache durchgesetzt hat und die Hauptkommunikationssprache im Internet ist, wir von jedem gesprochen oder verstanden. Warum sollten da andere Planeten/Welten anders sein? Wir sprechen doch auch unzählige Sprachen.

Andersherum ist es auch nicht immer ganz logisch, dass Charaktere mit offensichtlich bilingualem Hintergrund jedes noch so fachspezifische Wort, jeden noch so obskuren Slang und jedes seltsame Idiom im Englischen (Deutschen) problemlos verstehen.

Also warum sprachliche Unterschiede einbauen? Zum einen zeigen sie von einer uns fremden Kultur ein neues Gesicht und verleihen uns das Gefühl, dass sie deutlich komplexer ist, als wir bis dahin dachten. Zum anderen können Missverständnisse und klar dialektale Ausdrücke durchaus eine gewisse Komik haben, wenn z.B. ein Sprecher einen dialektalen Ausdruck verwendet, der dem anderen Sprecher völlig unbekannt ist. Aber solche Missverständnisse können auch für dramatische Effekte genutzt werden. Die Möglichkeiten, Sprachunterschiede ein Element seiner Geschichte zu machen, sind vielfältig.

Wie baue ich sprachliche Unterschiede und Dialekte in meine Welt ein?

Da natürlich jede Welt anders aufgebaut ist und andere Prämissen erfüllt, gibt es keinen ultimativen Leitfaden dafür. Man kann sich aber grob an einigen Daumenregeln entlangarbeiten, um die gewünschte sprachliche und/oder dialektale Diversität zu erzielen.

Rassen haben ihre eigene Sprache

Egal ob Elben, Trolle, Zwerge, Klingonen oder Feen. Sobald ein neues Volk eingeführt wird, kann man i.d.R. davon ausgehen, dass sie eine eigene Sprache haben. Oder zumindest einen eigenen Dialekt. Wie genau diese Sprache aussieht oder sich dieser Dialekt anhört, ist jedem selbst überlassen. Es ist aber stark anzunehmen, dass hohe (Sprach-)Kontakte zwischen zwei oder mehreren Völkern auch dazu führen, dass einige Wörter, Phrasen oder Lautungen der anderen Sprachen in die eigene aufgenommen werden. Keine Sprache ist wirklich „rein“ und frei von Lehnwörtern. Unser Deutsch ist durchzogen von lateinischen, französischen, englischen, slavischen und türkisch/arabischen Begriffen, die z.T. seit Jahrhunderten in unserem Wortschatz existieren.

Regionale Unterschiede sind zu erwarten

Je größer und weiter verbreitet ein Volk ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich auch hier wieder Sprachunterschiede gebildet haben. Wie stark diese Unterschiede sind, hängt meist davon ab, wie weit es zurückliegt, dass sich eine Sprechergruppe aufgeteilt hat. Je länger der Zeitpunkt dieser Aufteilung zurückliegt und je größer die räumliche Distanz, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Sprache beider Gruppen sehr stark voneinander unterscheidet, bis zu dem Punkt, an dem beide Gruppen sich nicht ohne Übersetzer verständigen können, auch wenn sie zum gleichen Volk gehören. Dann haben wir nicht mehr nur eine Sprache, sondern zwei. Andersherum kann aber auch nur sehr wenig räumliche Distanz zwischen zwei Sprechergruppen des/r gleichen Volks/Sprache liegen. Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass beide Gruppen sich problemlos verständigen können und nur Dialekt sprechen, der aber dennoch leicht verständlich ist.

Starke Unterschiede zwischen sozialen Gruppen lässt auf starke sprachliche Unterschiede schließen

Vor nicht allzu langer Zeit galt Französisch noch als die Sprache des englischen Hochadels, und Englisch war die Sprache der Bürgerlichen, der Bauern. Je größer die Kluft zwischen den einzelnen sozialen Schichten ist und je unüberwindbar diese Kluft ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich starke sprachliche/dialektale Unterschiede zwischen den einzelnen sozialen Schichten entwickelt haben. Die Oberschicht möchte ungern von dem ungebildeten Pöbel verstanden werden, die Bauern wollen über ihren König lästern, ohne dafür gleich ins Gefängnis zu kommen.

Eine Standardsprache wird auch nicht von jedem und auf die gleiche Art und Weise gesprochen

Wer eine Standard- oder Weltsprache einführt, um seinen Charakteren zu erlauben, sich mit so ungefähr jedem Bewohner der Welt zu unterhalten, sollte dennoch beachten, dass auch hier sprachliche Unterschiede auftauchen werden. Sprecher von Sprachen, deren Lautsystem zu stark von dem der Standardsprache abweicht, werden definitiv einen hörbaren Akzent haben. Einige Wörter aus der eigenen Sprache, dem eigenen Dialekt werden sich mit Sicherheit auch in die Standardsprache einschleichen, und auch Aussprache der Standardsprache wird regionale/dialektale Einflüsse haben. Ein Sachse klingt anders, wenn er Hochdeutsch spricht, als ein Berliner, als ein Bayer, als ein Kölner.

Auch vielleicht gut, mal darüber nachzudenken: Wer kann eigentlich die Standardsprache/die Weltsprache sprechen? Ist sie der Oberschicht, den Anführern vorbehalten? Wird sie nur in Schulen gelehrt und hat den Status von Schulfranzösisch („ich habs mal gelernt, aber kann nur noch sagen, dass ich 12 Jahre alt bin, dabei bin ich jetzt 25.“)? Werden Kinder bilingual erzogen? Gibt es einige Sprechergruppen/Völker, die diese Standardsprache/Weltsprache gar nicht können oder vielleicht gar nicht sprechen wollen? Woran liegt das?

Und wie kann es dann aussehen, wenn wir ein bisschen mehr auf Sprachunterschiede und sprachliche Diversität eingehen und nicht automatisch annehmen, dass Alienplaneten genau eine einzige Sprache haben, die jeder auch noch völlig fehler- und akzentfrei spricht?

Die Crew der SS Learning landet auf dem Planeten Trittoria, wo sie von einer Delegation trittorianischer Staatsoberhäupter empfangen wird. Einer der Präsidenten beginnt, eine Rede zu halten.

Crewmitglied Wilson wendet sich an das trittorianische Crewmitglied Sytrivak.

„Was sagt er?“, fragt er leise, um die Zeremonie nicht zu stören.

Sytrivak schüttelt den Kopf. „Keinen blassen Dunst.“

Wilson runzelt die Stirn. „Ich dachte, du kommst von hier?“

Sytrivak sieht ihn irritiert an. „Das ist der Präsident von Tul. Er spricht östliches Tulanisch. Ich spreche Ktrut. Wir beide verstehen gerade ungefähr genauso viel. Sprachen waren nie meine Stärke. Du kannst froh sein, dass ich wenigstens Menschlich spreche.“

„Menschlich ist keine Sprache …“

„Wie bitte?“


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