Worldbuilding – Sagen und Legenden (Teil I)

Jede Kultur hat ihre eigenen Volksmärchen, ihr eigenes Folklore (engl: folk = „Volk“, lore = „Geschichte“, „Wissen“, „Überlieferung“). Heldensagen, die den Kindern vorm Schlafengehen vorgelesen werden, und Gruselgeschichten, die in leisem Ton ums Lagerfeuer herum erzählt werden. Märchen, die eine Moral vermitteln, und Legenden von Prinzen und Prinzessinen, in denen deren tragische Schicksale beweint werden.

Im Grunde haben solche Geschichten und Geschichtssammlungen immer zwei Dinge gemein: Sie verraten einem viel über das Volk, das sie erzählt, und in ihnen steckt auch immer ein Körnchen Wahrheit.

Beschäftigen wir uns zunächst mit der ständigen Frage nach dem Warum:

Warum sollte ich als Autor für meine Fantasywelt Märchen, Sagen oder Legenden erfinden?

Meine Standardantwort auf solche Fragen ist bestimmt mittlerweile jedem, der meinen Blog und meine anderen Worldbuilding-Beiträge liest, bekannt: Weil es Tiefe verleiht.

Tolkien hat kein unsterbliches Werk geschaffen, weil er sich eine Sprache ausgedacht hat – jedenfalls nicht nur.

Wenn Aragorn das Lied von Beren und Luthien singt, dann klingen darin längst vergessene Zeiten mit, und man bekommt einen kleinen Blick auf reiche Kultur gewährt, reich an Sagen, an Legenden, und an Geschichte.

Und tatsächlich haben diese Mythen und Legenden immer einen größeren Einfluss auf die Gesellschaft, in der sie existieren, als man vielleicht annimmt.

Die (Er-)Findung der Heldenfigur

Kinder (und Erwachsene) sehen zu ihnen auf, identifizieren sich mit ihnen und würden sie gerne sein wollen: Die Helden. Jede Geschichtssammlung hat Helden und Heldinnen, die große Taten vollbringen und ruhm- und siegreich von ihren Abenteuern und Schlachten wiederkehren.

Ob mutiger Abenteurer, charmanter Verbrecher oder tragischer Adliger – sie alle haben etwas erlebt oder etwas geleistet, durch das sie unsterblich wurden und sie zu Helden hat werden lassen.

Nehmen wir doch nur Robin Hood, Beowulf, Mulan oder König Arthur. Ungeachtet davon, ob ihre Existenz belegt ist oder nicht, sie haben tapfere Taten geleistet, waren Sinnbilder ihrer Zeit und haben andere so inspiriert, dass sie in Geschichten, Liedern oder Sagen für immer verewigt wurden und bis heute in aller Munde sind.

Daher ist es wichtig, sich zunächst zu überlegen, welche Werte in dem Volk, für das man die Folklore erfinden möchte, an oberster Stelle stehen. Dazu sollte man natürlich auch wissen, um was für ein Volk, was für eine Kultur es sich dabei handelt (wie man das angeht, erfahrt ihr hier).

Ein kriegstreiberisches, kannibalistisches Volk z.B. wird vermutlich wenig übrig haben für einen Helden a la Robin Hood, der von den Reichen nimmt und den Armen gibt. Die haben vermutlich stattdessen jemanden ganz oben auf ihrer Heldenliste stehen, der besonders viele blutige Schlachten geschlagen und Feinde aufgegessen hat.

Andersherum wird ein Volk, das Magie praktiziert, vermutlich einem großen Zauberer wie Merlin huldigen. Ein Beispiel dafür wäre Harry Potter.

Wie dann der Held oder die Heldin tatsächlich aussieht, ob er oder sie besonders schön, unnatürlich hässlich, groß, klein, dick, dünn, kräftig oder schwach ist, hängt alles immer vom Autoren selbst ab und unterliegt einer simplen Frage: Wieviele Klischees möchte man erfüllen und wo kann man sie brechen?

Bei der Entwicklung der eigentlichen Heldengeschichte geht man am besten geauso vor, wie man schon bei der Erfindung jedes anderen Charakters und jeder anderen Handlung vorgegangen ist. Natürlich braucht man hier keine überraschenden Plotwendungen einzuarbeiten, und Ungereimtheiten bzw. sogenannte Plotholes kann man ganz einfach mit einem „sind halt verschiedene Versionen des selben Mythos“ abtun. Über Kontinuität braucht man sich glücklicherweise nicht sonderlich viele Gedanken zu machen.
Und ungeachtet davon, ob es in der Fantasywelt Magie gibt oder nicht: Man würzt das Ganze einfach ausgiebig mit magischen Artefakten, Zauberwesen und Gruselmonstern, lässt den Helden hier und da ein wenig leiden und dennoch am Ende ruhmreich aus der Geschichte herausgehen – und schon hat man seinen Heldenmythos. Und wenn all dem noch eine besonders eindrucksvolle Moral zugrunde liegt, umso besser.

Positives Vorbild – oder abschreckendes Beispiel?

Eine weitere Frage, die man sich stellen kann, wenn man Folklore erschafft, ist die nach der Funktion dieser Geschichten und ihrer Moral. Was sollen Kinder (und Erwachsene) daraus lernen?

Sollen die für das Volk „richtigen“ Werte unterstrichen werden, wie Tapferkeit, Mut oder Güte? Sollen die Leute inspiriert werden zu großen Taten und ihnen gezeigt werden, dass alles möglich ist, wenn sie nur wagen, ihren Träumen nachzugehen?

Oder sollen sie durch Negativbeispiele von Fehlern abgeschreckt werden, wie z.B. durch den Struwwelpeter oder Max und Moritz? Soll ihnen Angst gemacht werden vor den möglichen Konsequenzen ihrer Taten durch das Anprangern derjenigen vor ihnen, die das selbe versucht haben und kläglich gescheitert sind, wie mit dem Lied „The Rains of Castamere“ in Game of Thrones?

Und was sagt so etwas über ein Volk aus?

Auswirkungen von Sagen und Legenden auf das alltägliche Leben

Der Mensch hat seit jeher das Bedürfnis, seine Kinder (oder Haustiere) nach seinen Lieblingshelden oder -charakteren benennen zu wollen. Mein Kater beispielsweise heißt Merlin nach dem beliebten Zauberer, und mir ist eine Frau bekannt, die Arwen heißt nach Tolkiens Elbenprinzessin. Wenig verwunderlich also, wenn es in der eigenen Fantasywelt Personen gibt, die nach bekannten und berühmten Helden benannt wurden – vielleicht, damit er ihnen Glück bringt, oder die Charaktereigenschaften dieses Helden annimmt und selbst zum Helden werden kann?

Diese Namensgebung weitet sich oft auch auf Orte oder besondere Landschaftsformen aus. Ein besonders schiefgewachsener Baum mit einer tiefen Narbe könnte einem Helden zugeschrieben worden sein und seitdem nur noch „XYs Baum“ heißen oder so. Oder ein großer Fels, der an einer Stelle liegt, wo angeblich mal die Heldin eine besondere Tat begangen hat, heißt in der Sprache des Volkes vielleicht „Fels der YZ“ – und ein anderes Volk hat einen ganz anderen Namen dafür.

Aber auch Sprichwörter und Redewendungen können z.T. aus Legenden entstehen und sich im allgemeinen Sprachwortschatz etablieren. Das beste, mir bekannte Beispiel dafür ist „Merlin’s beard“ oder „Merlin’s most baggy y-fronts“, wie Ron bei Harry Potter immer mal wieder ausruft.

Die Verarbeitung von Legenden, Märchen und Mythen in populären Medien, wie Theater oder (je nach technologischem Stand) auch Film, ist aber auch etwas, wovon man ausgehen kann. Sofern das relevante Volk einen Sinn für Theater oder Künste hat – und die Legende allgemein bekannt und nicht nur einem elitären Kreis von ganz speziellen Leuten zugänglich ist.
Es existieren zahlreiche detaillierte Gemälde und aufwändige Verfilmungen von Robin Hood, Mulan, Aschenputtel, König Arthur, Dornröschen und sonstigen Märchen und Volksgeschichten, warum sollte es etwas Vergleichbares nicht auch in der Fantasywelt geben?

Ein weiterer Nebeneffekt von Legenden sind oft auch Anhänger des Mythos. Wir sehen in Harry Potter, dass es einige Zauberer gibt, die an die Existenz der Heiligtümer des Todes glauben und sich ein besonderes Symbol zugelegt haben, mit denen sie sich anderen Eingeweihten zu erkennen geben. Und in unserer Welt gibt es auch eine ganze Menge Leute, die Theorien und Vermutungen dazu anstellen, wo und an welcher Stelle König Arthur gelebt haben soll. Artefakte tauchen immer mal wieder auf, die ihm oder dem Zauberer Merlin angeblich gehört haben sollen. Wie fanatisch und/oder sektenhaft sich das Ganze dann am Ende auswirkt, ist natürlich jedem Autoren selbst überlassen.

Die Legende erzählen

Zunächst einmal ist da die Frage nach dem Format: Werden die Heldentaten als Lieder, Gedichte, oder doch eher als Geschichten erzählt? In Reimen oder nicht? Eher episch lang, oder lieber knackig kurz? Völker, die wenig Sinn für Fantasie und schöne Dinge haben, werden vermutlicherweise wenig Wert auf Form und Reime legen. Bei ihnen wird das Ganze kurz und knapp und auf den Punkt gebracht erzählt. Und wehe dem, der vorschlägt, man könne doch daraus ein Lied komponieren.
Andersherum legt ein Volk mit mehr Wertschätzung für die schönen Künste viel größeren Fokus darauf, dass die äußere Form der Heldentexte stimmt. Reime sind ein Muss, die Melodie das A und O. Und mindestens 40 Strophen, sonst ist es keine Heldendichtung mehr.

Wenn man das ein wenig genauer weiß, kann man sich Gedanken zur Form der Überlieferung machen: Werden Texte ausschließlich mündlich weitergegeben, oder wurden sie irgendwann auch mal irgendwo schriftlich festgehalten?

Und für wen sind diese Texte eigentlich zugänglich? Wir haben etwas weiter oben schon einmal kurz darauf angesprochen, dass es nicht zwingend so sein muss, dass Folklore auch der breiten Masse öffentlich zugänglich sein muss – es kann auch sein, dass z.B. nur der Hochadel diese Texte kennt, vielleicht haben die Bauern und die Adligen völlig unterschiedliche Legenden und Mythen, vielleicht gibt es nur einen winzigen Kreis von Personen, die mit der Folklore jemals in Kontakt gekommen sind und kommen dürfen.

Ein letzter Punkt, über den man sich ein paar Gedanken machen kann, wenn man die Folklore erzählen möchte, ist: Werden Namen genannt, oder sind die Texte vollständig anonymisiert? Deutsche Märchen beispielsweise sind oft anonym gehalten, da geht es meist um „den Müllerssohn“ oder „die Prinzessin“, oder Bezeichnungen wie „Rotkäppchen“, und nur selten tauchen Namen auf, die wiederum aber so verbreitet sind (z.B. Hans), dass sie sich auf keine spezifische Person zurückführen lassen. Damit erhalten sie eine allgemeine Gültigkeit und können auf jeden zutreffen. Jeder kann sich mit ihnen identifizieren. Anders verhält es sich da z.B. mit den irischen Märchen. Personen und Orte werden meist namentlich (bei Personen Vor- und Nachname) genannt, sodass zu jeder Zeit klar ist, wer gemeint ist und wo genau die Handlung spielt. Die Handlung im Märchen erhält romanartigen Charakter; ein gewisses Maß an Identitätsvermögen geht verloren, dafür wirken die Personen plastischer und individueller und man kommt ihnen näher.

Die Sache mit dem Körnchen Wahrheit

Abschließend kommen wir zu dem Punkt, den wir ganz am Anfang schon angesprochen hatten: Jede Legende, jedes Märchen, jede Heldensage weist immer einen Funken Wahrheit auf.

Dadurch können Legenden und Heldenerzählungen auch hervorragend als Plotmittel fungieren, wie z.B. das Märchen von den drei Brüdern bei Harry Potter: Hier muss sich Harry auf die Suche nach den drei Heiligtümern des Todes begeben.
Im Herrn der Ringe erzählt Legolas die Gruselmär von den Pfaden der Toten – jene Toten, die Aragorn kurz darauf zusammenruft und in die Schlacht gegen die Armee Saurons führt.

Natürlich muss eine Legende, ein Märchen oder eine Sage nicht zwingend so wortwörtlichen Einfluss auf die Handlung haben. Stattdessen kann eine simple, nicht wirklich ernst gemeinte Warnung der Mutter „Pass auf dich auf im Wald, nicht dass dich der böse Wolf frisst wie einst das wehrlose Rotkäppchen“ den Leser auch einfach nur vorwarnen, dass etwas Schlimmes bevorsteht. Unser Protagonist oder unsere Protagonistin muss nicht physisch von einem echten Wolf gefressen werden – aber vielleicht führt die Handlung ihn oder sie in einen solch auswegslose Situation, dass er oder sie ohne fremde Hilfe (der Jäger) nicht wieder herauskommen kann.

In jedem Fall beinhalten Legenden, Märchen, Sagen und Mythen immer eine gewisse Warnung: Tue dies nicht, sonst ergeht es dir schlecht; tue explizit nur jenes, denn dann ergeht es dir gut. Maße dir nicht an, Herrscher der Heiligtümer des Todes sein zu wollen, denn dann wirst du scheitern. Folge deinem dir vorbestimmten Pfade als Herrscher, und die verfluchten Toten werden deinem Rufe folgen – aber nur, wenn du ihnen ihren Frieden gibst. Es ist vielleicht nicht richtig, von den Reichen zu stehlen, aber es ist gut, den Armen zu geben und sich gegen die Ungerechtigkeiten im Leben aufzulehnen. Wenn du dich schon als Mann verkleidest und in den Krieg ziehst, dann lass dich wenigstens nicht erwischen.

Und sobald wir einmal die Lektion herausgefiltert haben, die unser Protagonist durch diese Legende, dieses Märchen lernen soll, dann lässt sie sich auch viel einfacher in die Geschichte einarbeiten.


Weitere Beiträge zu dem Thema findet ihr hier:
Worldbuilding – Gott und die Welt erschaffen

Worldbuilding – Andere Welten, andere Völker

Worldbuilding – Dialekte und Sprachunterschiede

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