Worldbuilding – Die Sache mit den Prophezeiungen (Teil II)

Jeder hat diesen Satz bestimmt schon einmal in einem Fantasybuch oder -film gelesen bzw. gehört:

„Die Legende besagt, dass nur …“

Oder:

„Der Legende nach befand sich hier einst …“

Es sind beides wirklich wunderschöne Sätze, die bei mir immer so ein aufgeregtes Kribbeln hinterlassen. Sobald es um Prophezeiungen und Legenden geht, bin ich dabei. Egal, wie kitschig das Ganze wird.

Daher möchte ich auch ihren Gebrauch in Büchern oder Filmen keineswegs kritisieren. Stattdessen möchte ich gerne mehr von ihnen sehen.

Oft sind nämlich auf die in solchen Sätzen referierten Legenden außerhalb dieses Satzes gar nicht existent.

„Legenden“ vs. Legenden – Wie ein Mythos Fuß fasst

Beispiel A:

„Die Legende besagt, dass an diesem Ort der große Zauberer Regham seine letzten Tage verbrachte“, sagte die Elfe leise und deutete auf eine Gruppe aus kreisförmig angeordneten, seltsam leuchtenden Steinen. „Hier soll er seine letzte Ruhestätte gefunden haben.“

Tom machte einen Schritt darauf zu, aber die Elfe hielt ihn zurück.

„Nicht!“, sagte sie mit aufgerissenen Augen, und ihre Flügel zitterten aufgeregt. „Niemand darf den Steinkreis betreten. Er ist heilig!“

Tom sah sich um. Es war niemand zu sehen, außer ihm und der Elfe. Keine Menschenseele weit und breit im Umkreis von mehreren hundert Metern. Auf ihrem Weg zu dieser Stätte waren ihnen keine Wanderer begegnet, die das selbe Ziel hatten wie sie. Niemand schien auch nur jemals von diesem Ort gehört zu haben.

In diesem erfundenen Beispiel erfahren wir also, dass unter diesem speziellen Steinkreis ein ganz besonderer Zauberer begraben liegt und diese Stätte absolut heilig ist, so heilig nämlich, dass niemand, nicht mal unser Protagonist Tom, diesen Kreis betreten darf.

Gleichzeitig aber wird deutlich, dass offensichtlich niemand sich auch nur ansatzweise für eine solche heilige Stätte interessiert.

Die Frage ist: Warum? Wenn es ein solches Heiligtum in dieser Welt ist, und sei es nur für die Elfen, gibt es dann nicht auch Pilger, die ab und an zu dieser letzten, heiligen Ruhestätte kommen, so wie im Mittelalter viele nach Santiago di Compostella pilgerten, um sich von ihren Sünden reinzuwaschen, oder sich auch einfach nur auf dem langen, weiten Weg selbst zu finden?

Schauen wir uns noch einmal das Beispiel A an, diesmal in der überarbeiteten Version:

„Die Legende besagt, dass an diesem Ort der große Zauberer Regham seine letzten Tage verbrachte“, sagte die Elfe leise und deutete auf eine Gruppe aus kreisförmig angeordneten, seltsam leuchtenden Steinen. „Hier soll er seine letzte Ruhestätte gefunden haben.“

Tom machte einen Schritt darauf zu, aber die Elfe hielt ihn zurück.

„Nicht!“, sagte sie mit aufgerissenen Augen, und ihre Flügel zitterten aufgeregt. „Niemand darf den Steinkreis betreten. Er ist heilig!“

Tom sah sich um. Außer ihnen hatten sich noch einige weitere Wanderer versammelt, müde von einer anstrengenden Wanderung. Gerade kamen zwei weitere, ein Elf und eine junge Fee, den Hügel hinaufgeflogen. Fasziniert sah Tom zu, wie sich sich an der kleinen Quelle, die in der Nähe des Steinkreises entsprang, erfrischten.

„Wer sind diese Leute?“, fragte Tom leise, um die meditative Atmosphäre nicht zu stören.

„Es sind Pilger“, antwortete die Elfe. „Jährlich kommen tausende von ihnen an diesen Ort, um ein wenig Frieden zu finden und ihren Geist in der Quelle zu reinigen.“

Theoretisch müssen wir das Ganze nicht weiter ausführen. Es wird vollkommen klar, dass die Legende des weisen Zauberers Regham in den Köpfen der Bewohner dieser Welt fest verankert ist und fast zu einer Art Religion oder Okkultismus geworden ist. Ob irgendetwas an der heilenden Wirkung der Quelle dran ist, oder ob wirklich der Zauberer genau an dieser Stelle begraben liegt, kann der Autor selbst bestimmen oder bleibt ansonsten der Fantasie des Lesers überlassen.

Beispiel B:

„… und derjenige, der das Mal des Königs in Form einer Krone trägt, soll der neue Herrscher werden.“

Jonathan starrte den alten Mann an. „Und das soll ich sein?“, fragte er schließlich.

„Natürlich“, nickte der alte Mann und strich sich seinen langen Bart. „Jahrhundertelang haben wir auf deine Ankunft gewartet, Jonathan Crowne, und nun bist du endlich da. Du trägst das Mal des Königs. Du bist unser neuer Herrscher.“

Skeptisch betrachtete Jonathan das Muttermal über seiner linken Brust. „Naja, ich weiß ja nicht … ich finde nicht, dass dieser komische Fleck wirklich aussieht wie eine Krone, aber wenn Sie meinen …“

„Doch, doch!“, versicherte ihm der Alte. „Daran kann kein Zweifel bestehen. In all den hunderten von Jahren haben wir niemanden gesehen, der so ein Zeichen trägt. Du bist der erste und einzige, der mit so einem Mal geboren wurde.“

Und so kam es, dass Jonathan Crowne ohne viele weitere Zwischenfälle zum neuen König ernannt wurde, und niemand stellte seinen Anspruch auf den Thron jemals in Frage. Denn schließlich war es völlig ausgeschlossen, dass irgendjemand sonst noch ein solches Muttermal aufweisen konnte.

Unserem Protagonisten wurde hier also gerade eröffnet, dass er der neue König ist, aufgrund einer Legende, die besagt, dass der, der ein Muttermal in Form einer Krone hat, zweifelsohne der neue Herrscher sein soll.

Seien wir realistisch. Eine solche Prophezeiung ist doch niemals ohne Folgen. Mir kann niemand erzählen, dass es nicht eine ganze Reihe von Leuten gab, die fälschlicherweise vorgaben, besagter rechtmäßiger Herrscher zu sein, entweder, weil sie sich ein falsches Muttermal aufmalten, oder ein echtes Muttermal für das gesuchte auszugeben versuchten, „man muss den Kopf nur ein wenig drehen und die Augen etwas zukneifen“.

Schauen wir uns doch nur einmal den Wirbel um Zarentochter Anastasia an. Wieviele Frauen gaben vor, die verschwundene Anastasia zu sein – bis schließlich doch rauskam, dass Anastasia dann augenscheinlich doch mit ihrer gesamten Familie umkam?

Ein Blick auf das zweite Beispiel, diesmal etwas überarbeitet:

„… und derjenige, der das Mal des Königs in Form einer Krone trägt, soll der neue Herrscher werden.“

„Das mag ja schon sein, Mr Crowne“, sagte der alte Mann, ohne von seiner Zeitung aufzusehen. „Aber können Sie sich ausweisen?“

„Wie bitte?“

Der Alte blätterte betont gelangweilt um. „Haben Sie irgendwelche Referenzen?“

Jonathan stockte. „Äh … naja, ich meine … die Legende … ich hab das Mal …?“ Er blinzelte verwirrt.

Jetzt endlich legte der alte Mann die Zeitung weg und beugte sich vor, die Arme auf seinen Schreibtisch gelehnt. „Junger Mann, hören Sie. Wir reden hier über eine dreihundertfünfzig Jahre alte Legende. Was glauben Sie, wieviele andere junge Leute wie Sie schon hier vor diesem Schreibtisch standen und das selbe von sich behaupteten? Was mich betrifft, können sich Sie genauso gut das Mal aufgemalt oder tattoowiert haben lassen. Und jetzt verschwinden Sie. Der Nächste!“

Damit hatte Jonathan nicht gerechnet. Und noch weniger hatte er mit all den anderen jungen Männern und Frauen gerechnet, die kurz nachdem die Meldung über ihn bekannt wurde, ebenfall behaupteten, selbst das Mal des Königs zu tragen.

Auf einmal wird das Ganze kniffliger – aber auch viel realistischer. Unser Protagonist ist nämlich erwartungsgemäß nicht der einzige, auf den im Laufe der Jahrhunderte die Prophezeiung zutraf. Wieviele falsche „Auserwählte“ sind wohl aufgetaucht und haben versucht, die Prophezeiung für sich auszunutzen und die Krone an sich zu reißen?

Sind die Leute in unserer Fantasywelt tatsächlich so blauäugig, dass sie nach all den Jahrhunderten immer noch jedem Glauben schenken, der behauptet, König zu sein – oder von dem dies behauptet wird? Wahrscheinlich nicht.
Und wahrscheinlich sind sogar die vehementesten Stimmen des Zweifels diejenigen, deren Machtposition durch die Krönung eines neuen Königs arg in Bedrängnis geraten würden – wenn sie sie nicht sogar ganz verlören. Dazu kommen noch all die anderen Rivalen und Rivalinnen, die ebenfalls vorgeben, die rechtmäßigen Herrscher zu sein. Und voilá, schon haben wir eine ganze Reihe an Antagonisten, die alles daran setzen, unseren armen Jonathan von seiner Bestimmung abzuhalten.

Prophezeiungen im Wandel der Zeiten

Jede Legende und jede Prophezeiung, vor allem, wenn sie hunderte von Jahren alt ist, hat ihre Folgen, die ich z.T. im vorherigen Beitrag beschrieben habe. Was könnten also mögliche Auswirkungen von Legenden oder Prophezeiungen in der Fantasywelt sein?

  • Die Legende oder Prophezeiung kann friedliche Anhänger gewinnen, aber auch besessene Fanatiker.
  • Sie kann von allen so normalisiert worden sein, dass niemand sie mehr als etwas Besonderes ansieht, aber sie kann auch schon komplett in Vergessenheit geraten sein, dass nur noch ein Geschichtskundiger mit irgendeiner obskuren Spezialisierung davon ganz vielleicht mal etwas gehört hat, „aber ich bin mir nicht ganz sicher, wo“.
  • Alternativ kann die Legende sich so etabliert haben, dass sie zur Redewendung geworden ist, im positiven Sinne, aber vielleicht auch im negativen Sinne.
  • Je bekannter und beliebter die Legende, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie in den populären Medien auftaucht: Theaterstücke, Filme (je nach technologischem Stand) und Analysen überschwemmen den Markt. Das sehen wir bei den Legenden und Märchen von Robin Hood, König Arthur, Aschenputtel, oder Rotkäppchen, von denen es unzählige (Film-)Adaptionen gibt usw.
  • Aber natürlich kann es immer wieder auch schnell passieren, dass eine Prophezeiung, eine Legende falsch gedeutet wird. Nehmen wir doch einfach nur Harry Potter: Die dort erwähnte Prophezeiung über den „Auserwählten, der den Dunklen Lord besiegen wird“ kann sich genauso gut auf Neville Longbottom beziehen, und es ist nichts als ein dummer Zufall, dass es Harry getroffen hat. Was für ein Plottwist wäre es, wenn wir mitten im Buch plötzlich herausfinden, dass der „Held“ eigentlich nur der Sidekick ist und sein bester Freund der wahre Auserwählte?

Wer glaubt denn heutzutage noch an Märchen?

Etwas, das mir immer wieder auffällt, ist das Phänomen, dass die Bewohner in Fantasywelten Prophezeiungen eigentlich immer akzeptieren, ohne nachzufragen, ohne zu zweifeln.

Wir haben also laut Prophezeiung einen Retter zu erwarten, der uns von unserem Übel befreit. Der angeblich alle unsere Probleme für uns löst. Und dann taucht er für die nächsten 300 Jahre oder länger nicht auf – und niemand hat damit ein Problem?

Natürlich gibt es Leute, die an die Prophezeiung glauben, egal was andere sagen oder denken. Vielleicht, weil es das einzige ist in kriegsgetriebenen Zeiten, das ihnen Hoffnung schenkt und ihnen den nötigen Lebenswillen gibt, um weiterzumachen. Oder weil sie die Zukunft sehen können (es ist schließlich Fantasy, Leute …) und bereits gesehen haben, dass sie dem Auserwelten in zwanzig Jahren die Hand schütteln werden.

Aber was ist mit den kritischen Stimmen? Stimmen, die sagen, das Ganze sei Humbug. Die lieber ihr eigenes Schicksal in die Hand nehmen, als auf irgendeinen angeblichen Auserwählten zu warten, und eine Rebellion anzetteln, ohne auf irgendeinen magisch vorherbestimmten Anführer zu warten. Die, die der Ansicht sind, dass man für sein eigenes Wohlergehen verantwortlich ist und sich nicht feige hinter einer Legende verkriechen kann.
Wir sollten uns bewusst sein, dass der Glaube an eine Prophezeiung oder eine Legende nicht universal zu sein braucht, damit eine Geschichte funktioniert. Im Gegenteil. Der Zwist zwischen denjenigen, die an die Prophezeiung über einen Auserwählten glauben und auf den richtigen Zeitpunkt warten, um zuzuschlagen, und denjenigen, die sich lieber selbst entscheiden, was sie wie machen wollen, ist durchaus dramatisch.

Die Fragen, die wir uns also als Autoren stellen dürfen, ist: In welche Art von Welt kommt unser Held oder wächst unser Held heran? Und warum sollte man einer 2000 Jahre alten Legende unbekannten Ursprungs Glauben schenken, wenn die Beweise fehlen?


Weitere Beiträge zu dem Thema findet ihr hier:
Worldbuilding – Sagen und Legenden (Teil I)

Worldbuilding – Gott und die Welt erschaffen

Worldbuilding – Andere Welten, andere Völker

Worldbuilding – Dialekte und Sprachunterschiede