Worldbuilding: Magische Spezialeffekte (IV)

Magie gibt es in vielen Formen und Farben. Gerne werden dabei lustige Spezialeffekte verwendet, bunte Lichter und Farben und Feenstaub, um greifbarer zu machen, dass etwas Magisches geschieht. Denn bekanntermaßen gilt: Wir glauben, was wir sehen.

Aber ist das überhaupt der einzige Weg, den Lesenden zu zeigen, dass Magie existiert und angewendet wird?

Was ist mit den anderen Sinnen?

Auch diese können auf unterschiedliche Weise stimuliert werden, um deutlich zu machen, dass wir es hier mit einer magischen Situation zu tun haben.

Unsere Kreativität kennt, wie immer, keine Grenzen – daher schauen wir uns heute doch mal ein wenig genauer an, was passiert, wenn wir bei der Nutzung von Magie nicht nur den Gesichtssinn, sondern auch zur Abwechslung mal die anderen Sinne stimulieren.

Wieder mit dabei: Unser freundlicher Zauberlehrling Herbert.

Keine Sinneswahrnehmungen

„Feuer, brenne!“ Herbert schwang seinen Zauberstab, aber nichts geschah.
„Ähm“, machte er. „Ist das Ding defekt?“
„Nein“, sagte Prof. Dr. Bastian Milchzahn, „schau dich mal um.“
Herbert sah sich in dem Klassenzimmer um. Und tatsächlich – alle Kerzen waren entzündet und in dem niedrigen Kamin in der hinteren Ecke prasselte ein munteres, kleines Feuer.
„Aber ich habe nichts …“
„Gespürt?“ Prof. Dr. Milchzahn lächelte. „Natürlich nicht. Magie kann man nicht spüren, nicht sehen, nicht hören. Sie ist einfach da. Und dass du die Kerzen angezündet hast, beweist doch, dass du sie erfolgreich angewendet hast.“

Nicht wahrnehmbare Magie. An und für sich ziemlich genial. Wir können nach Herzenslust zaubern, ohne dass es irgendjemand mitbekommt.

Offene Fragen: Wie genau weiß ich, dass mein Zauber funktioniert hat, wenn es etwas ist, dessen Resultat ich nicht sofort begutachten kann (z.B. Schutzzauber)?

Sinneswahrnehmung: Sehen

„Feuer, brenne!“ Herbert schwang seinen Zauberstab und eine Flamme schoss aus der Spitze hervor. Sie multiplizierte sich und entfachte sämtliche Kerzen und sogar den niedrigen Kamin in der hinteren Ecke auf einen Schlag.
„Whoa“, machte Herbert und ließ beeindruckt seinen Zauberstab sinken. „Das funktioniert ja echt!“
Prof. Dr. Bastian Milchzahn lächelte amüsiert.

Seeing is believing, folks. Auch in der Magie. Nur nicht unbedingt so leicht, unbemerkt einen Zauber auszuführen. Der Vorteil ist, dass ich sehen kann, dass mein Zauber funktioniert hat.

Offene Fragen: Haben unterschiedliche Zauber unterschiedliche Farben (z.B. Harry Potter: Todesfluch ist grün, Entwaffnungszauber ist rot)? Können permanente Zauber während ihrer gesamten Dauer gesehen werden (z.B. ein Verschönerungszauber: Kann ich sehen, dass eine Person sich mithilfe von Magie das Gesicht aufgehübscht hat, oder darf das ihr Geheimnis bleiben?)?

Sinneswahrnehmung: Hören

„Feuer, brenne!“ Herbert schwang seinen Zauberstab und ein lauter Knall ertönte. Erschrocken zuckte Herbert zurück. „Was zum Henker war das?“, rief er entsetzt aus.
„Das, mein Lieber“, sagte Prof. Dr. Bastian Milchzahn, „war das Geräusch eines erfolgreich ausgeführten Zaubers. Sieh dich um.“ Und tatsächlich – alle Kerzen waren entzündet und in dem niedrigen Kamin in der hinteren Ecke prasselte ein munteres, kleines Feuer.
„Das ist ja nicht besonders subtil, was?“, murmelte Herbert und rieb sich die klingelnden Ohren.

Welches Geräusch einen Zauberspruch begleitet, ist natürlich uns selbst überlassen. Vom leisen Glöckchenklingeln zum explosionsartigen Knallen kann alles dabei sein. Vielleicht ist es sogar abhängig vom Zauber selbst?

Offene Fragen: Was machen Magiepraktizierende, deren Beruf es verlangt leise zu sein (z.B. Bibliothekare und Bibliothekarinnen, aber auch Geheimdienst)?

Sinneswahrnehmung: Riechen

„Feuer, brenne!“ Herbert schwang seinen Zauberstab und Geruch von Lagerfeuer stieg ihm in die Nase.
„Hm“, machte Prof. Dr. Bastian Milchzahn und atmete tief durch. „Grillt hier jemand?“ Er lächelte Herbert aufmunternd zu. „Das war gut. Das war sehr gut.“
Herbert ließ den Zauberstab sinken und sah sich um. Und tatsächlich – alle Kerzen waren entzündet und in dem niedrigen Kamin in der hinteren Ecke prasselte ein munteres, kleines Feuer.
Er war nur froh, dass er einen Feuerzauber ausgeführt hatte und nichts schlimmer Riechendes …

Gerüche kommen (soweit ich das mitbekommen habe) irgendwie ein wenig zu kurz bei der ganzen Magie (liegt vermutlich auch daran, dass sich das im Kino so schlecht umsetzen lässt). Dabei können wir mit Gerüchen eine Menge machen. Vielleicht stinkt Magie ja immer nach Schwefel, vielleicht ist der Geruch von der Art des Zaubers abhängig, vielleicht hat jeder Magienutzende einen ganz persönlichen Duft (wie ein magischer Fingerabdruck).

Offene Fragen: Sagt der Geruch etwas über die Person, die den Zauber ausführt, aus oder über den Zauber, oder gibt es einen Geruch, den Magie allgemein verströmt? Wie lange hält dieser Geruch an? Kann er in der magischen Strafverfolgung verwendet werden, und wenn ja, wie? Gibt es die Möglichkeit, magischen Geruch zu überdecken?

Sinneswahrnehmung: Schmecken

„Feuer, brenne!“ Herbert schwang seinen Zauberstab – und verzog angewidert das Gesicht. Sein Mund schmeckte, als habe er auf ein feuchtes Holzstück gebissen.
„Bravo“, sagte Prof. Dr. Bastian Milchzahn. „Du hast alle Kerzen erfolgreich entzündet.“
Herbert sah sich im Klassenzimmer um. Und tatsächlich – alle Kerzen waren entzündet und in dem niedrigen Kamin in der hinteren Ecke prasselte ein munteres, kleines Feuer. Prof. Dr. Milchzahn lächelte. „Wie hats dir geschmeckt?“
„Wie toter Wald“, murmelte Herbert. „Haben Sie etwas zum Gurgeln?“

Vermutlich noch weniger dargestellt als das Riechen. Dabei könnte hiermit eine ganze Bandbreite an neuen und interessanten Situationen entstehen, die wir bisher so noch nicht kannten.

Offene Fragen: Wie hängen Zauber und Geschmack zusammen? Hat nur die magieausführende Person den Geschmack? Wenn ein Zauber auf eine andere Person angewendet wird – hat diese dann den Geschmack?

Sinneswahrnehmung: Fühlen

„Feuer, brenne!“ Herbert schwang seinen Zauberstab – und ein Kribbeln breitete sich in seinen Fingern aus und wanderte langsam höher. Die Härchen auf seinem Unterarm stellten sich auf und ein wohliger Schauer durchfuhr ihn.
„Na, das lief doch schonmal ganz gut“, sagte Prof. Dr. Bastian Milchzahn mit einem Lächeln. Herbert sah sich im Klassenzimmer um. Und tatsächlich – alle Kerzen waren entzündet und in dem niedrigen Kamin in der hinteren Ecke prasselte ein munteres, kleines Feuer.
„Fühlt sich das immer so an?“, fragte er.
„Als würdest du in warme Schokolade getaucht werden?“, lächelte Prof. Dr. Milchzahn und Herbert nickte zögerlich.
„Ja, mein Lieber. Das ist unsere Magie.“

Natürlich hätte es auch schlimmer kommen können: Die Magie könnte Herbert immer das spüren lassen, was er gerade zaubert. Das wäre dann, im Falle eines Feuerzaubers, äußerst schmerzhaft geworden.

Offene Fragen: Fühlt sich Magie für jeden gleich an? Wenn sich Magie besonders gut anfühlt, gibt es vielleicht ein Suchtpotential? Kann Magie rauschartige Zustände verursachen, wenn nicht aufgepasst wird? Fühlen sich „positive“ Zauber besser an als „negative“? Bleibt das Gefühl immer gleich, oder verblasst es mit stetigem Magiegebrauch/gewöhnt man sich daran?

Wir sehen also, dass Magie und die Spezialeffekte, die ihre Anwendung begleiten, nicht zwingend immer sichtbar sein müssen, um die Gegenwart von Magie zu erklären oder zu verdeutlichen.

Stattdessen können wir vollkommen verschiedene Sinne ansprechen, vielleicht sogar alle gleichzeitig oder nur spezielle Sinne für spezielle Zauber? Jede angesprochene Sinneswahrnehmung bringt ihre Vor- und Nachteile mit sich. Für welche wir uns dann am Ende entscheiden, bleibt natürlich uns selbst überlassen.


Im nächsten Beitrag in der „It’s A Kind of Magic“-Reihe geht es dann um Regeln und Beschränkungen in der Magie!


Ihr wollt mehr zum Worldbuilding lesen? Dann schaut doch mal hier:
Worldbuilding – Der Anfang aller Magie (Teil I)
Worldbuilding – Zauberstab und co. (Teil II)
Worldbuilding – Eene Meene Abrakadabra (Teil III)
Worldbuilding – Sagen und Legenden (Teil I)
Worldbuilding – Die Sache mit den Prophezeiungen (Teil II)
Worldbuilding – Gott und die Welt erschaffen
Worldbuilding – Andere Welten, andere Völker
Worldbuilding – Dialekte und Sprachunterschiede
Conlanging – Erfinde deine eigene Sprache (Wordlbulding)

Ein Gedanke zu “Worldbuilding: Magische Spezialeffekte (IV)

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