Worldbuilding: Magie, Logik und Regeln (V)

Mit der Magie ist es so eine Sache. Es gibt keine reelle Entsprechung, auf die wir zurückfallen können, wenn wir über sie schreiben oder sie beschreiben. Wir lassen unserer Fantasie freien Lauf. Unserer Kreativität sind beim Schreiben keinerlei Grenzen gesetzt.

Oder doch?

Magie folgt in der phantastischen Literatur eigentlich immer irgendwelchen Regeln. Das ist auch sinnvoll. Das ganze Leben auf der Erde folgt bestimmten physikalischen Regeln, und etwas, das keinerlei Regeln folgt? Ist nicht nur unlogisch – sondern kann auch Plotprobleme verursachen.

Regeln sind dafür da …

Generell halte ich das Einführen von Regeln und Logik in einem magischen System für äußerst sinnvoll. Wenn Magie nur unter bestimmten Bedingungen funktioniert oder nicht funktioniert, dann kann das Spannung erzeugen. Ein unbesiegbarer Held oder eine unbesiegbare Heldin, deren Magie keinerlei Grenzen kennt, ist genauso langweilig, wie ein Antagonist oder eine Antagonistin, für den oder die Magie eine unerschöpfliche Quelle ist, die er oder sie ohne Konsequenzen und ohne Grenzen nutzen kann. Magie sollte gewissen Regeln und (Natur-)Gesetzen folgen, um für den Leser logisch zu erscheinen.

Dabei müssen diese Regeln/Gesetze nicht zwingend die Magie selbst betreffen, sondern können sich auch nur auf die Magienutzenden auswirken.

Denn wie heißt es so schön? „Magic comes with a price.“

Dabei geht es zunächst einmal ausschließlich um Einschränkungen der Magie selbst, nicht Gesetze, die von den magischen Politikern erlassen wurden, um den Gebrauch von Magie zu regulieren. Schauen wir uns ein paar Beispiele für Einschränkungen an, denen Magienutzung unterliegen könnte:

1) Magie ist eingeschränkt in dem, was sie kann

„Ich habe alles getan“, wisperte Herbert kaum hörbar. „Ich habe jede nur erdenkliche Form von Magie gelernt.“

Eine sanfte Hand legte sich auf seine Schulter. „Ich weiß …“

Er ballte die Hände zu Fäusten. „Aber warum ist es dann immer noch nicht genug?!“

Liliths Stimme war leise. „Du versuchst das Unmögliche. Keine Magie kann das, was du von ihr verlangst. Es geht gegen die Gesetze der Natur.“

„Ich habe versagt“, brachte Herbert tonlos hervor und sank vor dem polierten Grabstein ins Gras. „Ich habe sie im Stich gelassen.“

In diesem Beispiel sehen wir, dass Magie keineswegs alles zu tun vermag. Magie ist an gewisse Gesetze gebunden, in diesem Falle an das klassische „die Toten können nicht wiedererweckt werden“.

Aber es gibt auch andere Gesetze, die Magie befolgen kann:

  • Niemand kann dazu gebracht werden, sich in eine andere Person zu verlieben (z.B. Aladdin)
  • Ressourcen können nicht vervielfältigt werden oder gelöscht werden: Essen, das heraufbeschworen wird, muss in irgendeiner Form an irgendeiner Stelle schon vorhanden sein (und sei es nur als Zutaten oder Moleküle); Dreck, der „gelöscht“ wird, verschwindet nicht wirklich, er wird entweder nur an einen anderen Ort verfrachtet, oder in seine Atome zerlegt.
  • Geld kann nicht durch Magie erschaffen werden (z.B. Harry Potter)

Eigenschaften eines Magiesystems, das solche Einschränkungen aufweist:

  • Klar definierte und universale Regeln
  • Neue Regeln können von Autor/Autorin jederzeit hinzugefügt werden, wenn es für den Plot wichtig ist, das etwas unmöglich ist
  • Das Brechen einer der Regeln kann einen schönen Plottwist ergeben und unsere Heldenfigur zu etwas ganz Besonderem machen

2) Magie ist eingeschränkt in dem Zeitpunkt, zu dem sie genutzt werden kann

„Ich habe alles getan“, wisperte Herbert kaum hörbar. „Ich habe jede nur erdenkliche Form von Magie gelernt.“

Eine sanfte Hand legte sich auf seine Schulter. „Ich weiß …“

Er ballte die Hände zu Fäusten. „Aber warum ist es dann immer noch nicht genug?!“

Liliths Stimme war leise. „Du versuchst das Unmögliche. Nekromantie funktioniert nur bei Neumond.“

Herbert seufzte und sank vor dem polierten Grabstein ins Gras. „Wann ist der nächste Neumond?“

In diesem Beispiel erfahren wir vielleicht nicht, ob die erwähnte Magie Einschränkungen hinsichtlich ihrer Fähigkeiten hat bzw. ob sie die im ersten Beispiel erwähnten Einschränkungen auch aufweist – wir wissen nur, dass die Form von Magie, die hier genutzt werden soll, nicht zu jedem Zeitpunkt genutzt werden kann.

Weitere Gesetzmäßigkeiten, die den Zeitpunkt von Magienutzung betreffen:

  • Magie ist bei Vollmond besonders stark (z.B. Wasserbändigen bei Avatar)
  • Magie ist bei Sonnenfinsternis kaum bis gar nicht mehr vorhanden (z.B. Feuerbändigen bei Avatar)
  • Magienutzung nur bei Vollmond (z.B. Werwolfverwandlung in klassischer Folklore)
  • Magienutzung nur um 12 Uhr Mittags
  • Magienutzung nicht nach Sonnenaufgang

Eigenschaften dieses Systems:

  • Klar definierte Regeln für die Nutzung von Magie
  • Plottechnisch spannungsfördernd, da Zeitlimit auf Magienutzung liegt
  • Charaktere sind angehalten, ihren Tagesplan/Angriffsplan/Planplan nach Magienutzung auszurichten

3) Magie funktioniert nur unter bestimmten Bedingungen

„Ich habe alles getan“, wisperte Herbert kaum hörbar. „Ich habe jede nur erdenkliche Form von Magie gelernt.“

Eine sanfte Hand legte sich auf seine Schulter. „Ich weiß …“

Er ballte die Hände zu Fäusten. „Aber warum ist es dann immer noch nicht genug?!“

Liliths Stimme war leise. „Du hast keine Magie mehr. Dein Amulett ist verschwunden. Die Magie gehorcht dir nicht mehr.“

„Ich habe versagt“, brachte Herbert tonlos hervor und sank vor dem polierten Grabstein ins Gras. „Ich habe sie im Stich gelassen.“

In diesem Beispiel wird angedeutet, dass die Nutzung von Magie nur möglich ist mit einem Amulett, das offenbar die Magie beherrscht oder bündelt. Das Fehlen dieses Amuletts bedeutet den Verlust der eigenen magischen Fähigkeiten.

Andere Bedingungen, an die die Magienutzung gekoppelt sein kann:

  • Kontrollierte Magienutzung nur mit Zauberstab (z.B. Harry Potter)
  • Zugriff auf vollständige Kräfte nur mit Talisman (z.B. Die Enzyklopädie der Wächter)
  • Magienutzung nur möglich, wenn eigene Magie in speziellem Ritual aufgeladen wurde (z.B. Artemis Fowl)
  • Magienutzung nur bei Regen und Gegenwind
  • Magienutzung nur bei Temperaturen von maximal 20°C
  • Konsum von gewissen Substanzen schwächt oder zerstört Fähigkeit, Magie zu nutzen (z.B. Artemis Fowl)

Eigenschaften dieses Systems:

  • Hohe Dramatik und hoher Spannungsfaktor bei Verlust der Magie bzw. des magiebringenden Objekts
  • Bei Einschränkungen bzgl. Temperatur o.ä. haben Magienutzende bestimmt Wege gefunden, die äußeren Bedingungen so zu manipulieren, dass Magienutzung möglich ist (z.B. Erfindung von Kühlkleidung, die eine konstante Temperatur von 20°C vorgaukelt, um Magienutzung zu ermöglichen)

4) Magie ist uneingeschränkt – aber Magienutzende nicht

„Ich habe alles getan“, wisperte Herbert kaum hörbar. „Ich habe jede nur erdenkliche Form von Magie gelernt.“

Eine sanfte Hand legte sich auf seine Schulter. „Ich weiß …“

Er ballte die Hände zu Fäusten. „Ich werde sie zurückholen.“

Lilith starrte ihn an. „Du versuchst das Unmögliche. Keine Magie kann das, was du von ihr verlangst. Es geht gegen die Gesetze der Natur.“

„Ich kann es“, sagte Herbert grimmig hervor und sank vor dem polierten Grabstein ins Gras. „Ich habe sie damals im Stich gelassen – ich werde das nicht noch einmal tun.“

„Es wird dich umbringen“, sagte Lilith tonlos. „Magie hat ihren Preis.“

Herbert atmete tief durch. „Ich weiß“, sagte er und hob seine Hände.

In diesem Beispiel erfahren wir, dass Magie offenbar zu allem in der Lage ist (also nicht die Einschränkungen aus Beispielen 1-3 hat), dafür aber mit gewissen Konsequenzen einher geht, genauer gesagt, den Tod des Magiebringenden zur Folge haben kann.

Weitere Konsequenzen, mit denen Magienutzende rechnen können:

  • Magienutzung ist kräftezehrend und schwächt die Magienutzer (lässt sie z.B. schneller altern) (z.B. gewisse Praktiken bei Bartimäus)
  • Bei Wiederbelebung: Das Gleichgewicht der Natur muss gewahrt bleiben, sprich: ein Leben für ein anderes (z.B. teilweise Vampire Diaries)
  • Magienutzung ist begrenzt und muss regelmäßig erneuert/aufgeladen werden, wie ein Akku (z.B. Artemis Fowl)
  • Gewisse Magiepraktiken erfordern Opfer, entweder den Verlust eines geliebten Menschen (z.B. Once Upon A Time), den Verlust eines Körperteils (z.B. die kopflosen Mönche in Doctor Who), den Verlust von Erinnerungen/Identität, oder den Verlust der eigenen Menschlichkeit (z.B. Harry Potter)
  • Magienutzung bringt Qualen des Körpers oder des Geistes (z.B. Wissen über die Zukunft) mit sich (z.B. Once Upon a Time, Doctor Strange)

Eigenschaften dieses Systems:

  • Dramatik aufgrund des möglichen Todes eines Charakters
  • Protagonist(inn)en können z.B. durch ihr Heldentum sterben, weil sie sich opfern
  • Magie als Gefahr/tickende Zeitbombe

Magie ist gefährlich

Wenngleich die Art der Magie und die Einschränkungen, die Magie hat, von Buch zu Buch, von Film zu Film variieren und sich wandeln, haben doch nahezu alle diese Geschichte eine Sache gemeinsam: Magienutzung birgt Gefahren. Das reicht vom Kleinsten (die eigene Magie ist beschränkt und wenn sie aufgebraucht ist, muss sie zunächst wieder aufgeladen werden, was die magienutzende Person möglicherweise angreifbar und verwundbar macht in dieser kritischen Zeit bis zur Aufladung) bis zu den ganz großen Übeln (Tod. Yay).

Wird beispielsweise ein Zauberspruch falsch ausgesprochen, kann es fatale Folgen geben. Eine falsche Zutat im Zaubertrank kann den ganzen Kessel zum Explodieren bringen. Besonders mächtige Zaubersprüche bedürfen harten Trainings, damit sie nicht versehentlich etwas zerstören. Hohe Konzentration ist gefragt beim Ausführen einiger hochpotenter Flüche. Eine zu starke Magienutzung kann die magienutzende Person schwächen, wenn nicht sogar töten. Die Ausübung bestimmter, widernatürlicher Zauber kann ebenfalls tödlich enden.

… um gebrochen zu werden

Auch mit Magie ist es wichtig, sich gewisse Regeln zu überlegen, nach denen sich die Magie orientiert. Einschränkungen in der Magienutzung sind nicht nur realistischer als unbegrenzte Zauberkräfte, sie können auch als plottreibendes Element dienen. Wir können gezielt mit diesen Gesetzen spielen und nicht nur die Leser, auch unsere Charaktere hinters Licht führen. Wir können problemlos die Dramatik erhöhen, indem wir beispielsweise anfangs sagen, dass X unmöglich ist oder Y tödliche Folgen hat. Führt unser Zauberlehrling Herbert dann plötzlich im finalen Kampf X aus, ist es ein Schock für alle, auch den Bösewicht. Herbert ist plötzlich kein Zauberlehrling mehr, sondern der größte lebende Magier aller Zeiten – und wenn wir es richtig handhaben, können wir aus dieser ganzen Sache mit X gleich einen Folgeband schreiben. Denn was wäre dramatischer als herauszufinden, dass X nichts anderes ist als Y, und Herbert jetzt dem Tod geweiht ist?


Im nächsten Beitrag in der „It’s A Kind of Magic“-Reihe geht es dann um Regeln und Beschränkungen in der Magie!


Ihr wollt mehr zum Worldbuilding lesen? Dann schaut doch mal hier:
Worldbuilding – Der Anfang aller Magie (Teil I)
Worldbuilding – Zauberstab und co. (Teil II)
Worldbuilding – Eene Meene Abrakadabra (Teil III)
Wordbuilding – Magische Spezialeffekte (Teil IV)
Worldbuilding – Sagen und Legenden (Teil I)
Worldbuilding – Die Sache mit den Prophezeiungen (Teil II)
Worldbuilding – Gott und die Welt erschaffen
Worldbuilding – Andere Welten, andere Völker
Worldbuilding – Dialekte und Sprachunterschiede
Conlanging – Erfinde deine eigene Sprache (Wordlbulding)