Worldbuilding: Fantasynamen entwickeln

Namen erfinden. Das Waterloo des gemeinen Fantasyschreiberlings.

Da kommt nicht selten die Frage auf: Warum tue ich mir das eigentlich jedes Mal wieder aufs Neue an? Irgendwann sollte ich doch aus meinen eigenen Fehlern gelernt haben, nur noch harte, kalte Realität schreiben und meine Charaktere Brigitte, Margret, Franz und Helmut nennen.

Spätestens jetzt meldet sich mein WIP-Stapel (stands for „Werry Important Projects“) und verlangt mindestens fünfzig neue Namen, die auch noch irgendwie cool klingen sollen, eine Bedeutung haben, am besten Unikate und irgendwie noch halbwegs aussprechbar sind.

Das Leben als Fantasyschreiberling ist nicht immer leicht.

Meist scheitert es nämlich schon am ersten Namen …

Natürlich könnte ich als Linguistin und Conlangerin hingehen und für jedes Projekt sieben eigene Sprachen erfinden, mithilfe deren ich bedeutungstragende und schön klingende Namen für alle meine Völker erstellen kann. Ich habe das bereits schon gemacht (es macht viel Spaß) und einen Beitrag veröffentlicht, in dem ich erkläre, wie Fantasyschreiberlinge eigene Sprachen (Sprachskizzen) für ihre Fantasywelten erfinden können.

Aber nicht jeder von uns hat dafür die Zeit oder die Nerven und einigen fehlt auch ganz einfach das Sprachgefühl dafür.

Und deshalb wird dieser Beitrag heute etwas anders sein.

Ich werde euch heute meine fünf bewährten Methoden des Namenentwickelns vorstellen (und dabei meine ganzen Geheimnisse verraten, wie ich als TÜV-geprüfte Faule AutorinTM Namen entwickle). Jede dieser Methoden ist von unabhängigen Studien geprüft und als höchst effektiv bewertet worden. 10/10 Experten raten dazu, diese Methoden in der eigenen Namenserfindung zu verwenden.

1. Bottom-up

Diese Methode haben wir vermutlich alle an irgendeinem Punkt unserer schriftstellerischen Tätigkeit verwendet:

  • Schritt 1: Google aufrufen
  • Schritt 2: „female names that mean warrior“ eingeben
  • Schritt 3: Enter drücken
  • Schritt 4: Die ersten sieben Links in separaten Tabs öffnen
  • Schritt 5: Durch ellenlange Listen mit Namen scrollen, von denen nicht ein einziger in seiner Bedeutung „warrior“ hat …
  • Schritt 5a: … und die, die diese Bedeutung haben, klingen doof oder passen nicht zum Charakter.
  • Schritt 6: Die nächsten sieben Links öffnen

Die Bottom-up-Methode bezeichnet einfach, dass wir losziehen und nach der Bedeutung suchen, die wir uns für unseren Namen wünschen. Die Erfolgsquote reicht hierbei von super erfolgreich bis zu ich werf den Laptop gleich gegen die Wand.

An und für sich ist dieser Ansatz aber gar nicht so dumm – wir als Schreiberlinge wissen schließlich am besten, was unsere Charaktere ausmacht. Wir wissen ganz genau, warum wir dem unscheinbaren Nebencharakter einen Namen geben, der „Wolf“ auf Malay bedeutet oder warum der unfreundliche Nachbar den Nachnamen „Beschützer“ auf Altenglisch trägt.

Mittlerweile nutze ich diese Methode der Namensfindung aber nur noch so gut wie selten, da sich bei mir bislang die Erfolgsquote eher am unteren Ende des Spektrums bewegte. Stattdessen gehe ich jetzt mehr vor wie folgt:

2. Wiktionary

Eine meiner Lieblingsmethoden. Es entspricht im Ansatz der „Bottom-Up“-Methode, geht aber bei der Recherche anders vor. Statt mich mühselig durch Seite um Seite mit den „schönsten Namen für ihr Baby“ zu ackern, gehe ich direkt zu der Quelle. Das englischsprachige (ich weiß nicht, wie es mit dem deutschsprachigen aussieht, da ich das nie nutze) Wiktionary bietet nämlich neben Flexionsendungen, Synonymen und Anagrammen auch Übersetzungen für das gesuchte Wort an. Und zwar in alle möglichen Sprachen.

Hier habe ich also ganz kompakt aufgelistet, was ich will. Ich möchte, dass mein Charakter also „Feuer“ heißt, weil er oder sie ein Feuerdämon oder etwas Vergleichbares ist. Also gebe ich „fire Wiktionary“ bei Google ein, klicke auf den Link, klappe die Kategorie „Translations“ auf und voilá. Eine ellenlange Liste mit den Wörtern für „Feuer“ in den verschiedensten Sprachen der Welt. Jetzt brauche ich nur noch etwa 20 Minuten, um diese Liste dreimal durchzugehen, mir die Übersetzungen rauszusuchen, die ich am schönsten finde und die auch klingen, als könnte es ein echter Name sein, und ich bin fertig. Keine Frustration, kein ewiglanges Suchen nach etwas, mit dem ich am Ende nur halbwegs zufrieden bin.

3. Akronyme

Zugegeben, diese Methode habe nicht ich entwickelt, ich bin zufällig irgendwo im Internet auf sie gestoßen – aber sie funktioniert, ist witzig, und bringt großartige Resultate.

Da ich euch jedoch keine spoilerfreien Beispiele liefern kann, denken wir uns einfach eins aus, um diese Methode einmal zu veranschaulichen:

In unserem Fantasyuniversum gibt es ein derzeit noch namenloses Land, in dem nur mystische Kreaturen leben, hauptsächlich Elfen, Dryaden und Nymphen. Mithilfe unserer Akronym-Methode machen wir uns jetzt das Leben ein wenig einfacher: Schreiben wir das doch einfach einmal als Satz auf und basteln daraus ein Akronym, indem wir beliebig Buchstaben entfernen:

Das Land der Elfen, Feen, Dryaden und Nymphen.

Das Land der Elfen, Feen, Dryaden und Nymphen – Ladefdrun

Noch nicht ideal? Wir können einen Buchstaben verändern:

Ladefdrun – Ladifdrun

Immer noch nicht perfekt? Dann verkürzen wir das Ganze noch einmal und verändern dann einen Buchstaben:

Ladefrun – Leefdrun – Lyfdrun

Tada! Unser magisches Land der Feen, Elfen, Nymphen und Dryaden ist nicht länger namenlos!

Ein wenig herumtüfteln muss man schon, aber wenn ihr Rätsel und dergleichen mögt, dann wird euch diese Methode definitiv Spaß machen.

Und natürlich können wir diese Methode auch für Personennamen anwenden:

Der unattraktive Held, der die Welt retten soll? – Unhe Dediweres

Die Vampirin, die allergisch auf Blut ist? – Vadia Aublis

Der Einbrecher, der lieber tauscht als zu stehlen? – Ed Litazus.

Wie wohl meine Charaktere heißen würden, wenn ich sie so benamst hätte?

4. Puzzeln

Oder: Wie ich mir Ortsnamen ausdenke

Hier ein gekürzter Auszug aus einem tatsächlichen Chatverlauf zwischen mir und meiner Korrektorin, während ich versucht habe, einen Ortsnamen für ein Dorf zu finden, das im zweiten Band der „Enzyklopädie“ vorkommt.

Ich:

Ich versuche hier gerade, mir irgendwelche obskuren Namen auszudenken, die trotzdem Englisch klingen, aber alles, was ich mir ausdenke, gibt es bereits als Nachnamen. Wusstest du, dass es den Namen Trunley gibt? Oder einen Ort namens Killingham? Und dass Cillingham ein Nachname ist?

Sie:

Okay, das wusste ich nicht.

Ich:

Sogar Workley gibt’s. Wth? Fällt dir noch etwas Cooles ein?

Sie:

Nichts Non-existentes … Wieso darf es denn nicht existieren?

Ich:

Darf es schon … Ich brauche nur einen Ortsnamen für ein Kaff in der Schattenwelt und ich bin zu faul, Reisedauer zwischen London und einem existierenden Ort zu berechnen …

Sie:

Also Sturridge ist ein Nachname, aber kein (aktuell existierender) Ort …

Ich:

Das klingt ziemlich gut. Swottleham ist übrigens auch definitiv kein existierender Ort!

Sie:

Gut zu wissen.

Ich:

Aber Swottle an sich ist ein Markenname. Why?

Sie:

Ist echt gar nicht so einfach, da irgendwas zu finden.

Ich:

Ich habe jetzt per Zufall entdeckt, dass „Swith“ ein altenglisches Wort ist, das „strong“ bedeutet … ich finde, wenn da jetzt noch was drangehängt wird, wie „-ham“, „-ton“ oder so, dann könnte das ganz lustig sein. Was gibt es denn da alles? „-ham“, „-ton“, „-burgh“, …

Swithbury, Swithby, Swithcester, Swithstead, Swithton, Swithworth (try pronouncing the last one without laughing). Swithford wäre noch eine Alternative, wenn „strong shallow river crossing“ nicht seltsam klänge …

Sie:

Ich mag Swithbury.

Ich:

Swithbury it is.

Was ist hier passiert?

Ich hatte die Prämisse, einen Ortsnamen zu erfinden, der englisch klingen sollte. Wollte aber nichts nehmen, das bereits existiert, aus o.g. Gründen der Faulheit.

Nun hat das Englische ja den hervorragenden Vorteil, dass die meisten Ortsnamen Komposita sind und aus zwei Teilen bestehen. Der erste Teil klingt meistens sehr seltsam, der zweite ist eines der o.g. Endungen, die alle etwas Unterschiedliches bedeuten (es gibt im Internet irgendwo eine sehr gute Liste, wie englische Ortsnamen aufgebaut sind, bzw. was im hinteren Teil des Kompositums stehen kann). Und dann wird einfach ausprobiert: Was klingt gut, was existiert schon, wo gibt es bei Google keine Suchergebnisse, was hat eine schöne und halbwegs sinnvolle Bedeutung?

Bei einem Ortsnamen, der gerne auch deutsch klingen darf, können wir natürlich ähnlich vorgehen. Viele deutsche Ortsnamen sind ebenfalls Komposita und enden auf „-burg“, „-dorf“, „-stedt“, „-hafen“, „-t(h)al“, „-wald“, „-furt(h)“ und so weiter. So können wir auch fürs Deutsche und vermutlich auch fürs Französische, Spanische, … fiktive Orte erfinden, die aber immer noch authentisch klingen.

Diese Methode bietet sich natürlich nur dann am besten an, wenn die Handlung in unserer Welt spielen soll und nicht in einem völlig anderen (high-fantasy) Universum.

Wenn ihr (Orts-)Namen haben wollt für ein Setting in einer komplett anderen Welt, in der eure Charaktere auch andere Sprachen als die, die wir kennen, sprechen, dann empfehle ich euch allerdings, eine der anderen Methoden auszuprobieren.

5. Anagramme

Oder auch „verbuxeln“, wie meine Mutter immer sagt.

Ich nenne es einfach die „Mr. Tom, A Dildo-Lover“-Methode.

Es ist ganz simpel. Ich nehme einen existierenden Namen oder ein existierendes Wort (oder eine Wortgruppe), google „Anagramm maker“, jage den Namen, das Wort oder die Wortgruppe durch den Anagramm-Maker und lasse mich von den Resultaten überraschen.

Es gibt einige Anagramm-Maker, bei denen man einstellen kann, wie viele Wörter ausgespuckt werden sollen und wie viele Buchstaben ein Wort mindestens bzw. maximal haben soll. Suche ich also nach einem neuen Namen, dann gebe ich in der Regel an, dass mein Anagramm aus zwei Wörtern mit mindestens zwei Buchstaben bestehen soll. Für einen Ortsnamen gebe ich nur ein Wort an, für besondere Namen, Heiligtümer oder Titel können es auch mal drei oder mehr Wörter werden.

Diese Methode nutze ich bevorzugt, wenn ich existierende Leute oder Orte einbaue, es aber weiterhin ein Insider bleiben soll zwischen mir und den Freunden, die ich schamlos eingearbeitet habe. Ja, ich habe bereits mehrfach diese Methode angewandt, und nein, ich werde mich hüten zu sagen, an welchen Stellen.


Jetzt seid ihr dran: Versucht doch mal, für eure Charaktere oder Orte diese fünf Methoden anzuwenden. Wie würden eure Charaktere heißen, wenn ihr ihnen ein Akronymnamen geben würdet? Oder wenn ihr Name ein Anagramm wäre?


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