Fun Facts Deutsch: Ost vs. West (feat. Everything is literary)

Als eingefleischte Westdeutsche, die zwar viel in der Weltgeschichte herumgereist ist, dafür aber bis zu ihrem 19. Lebensjahr kaum über den heimatlich münsteranerischen* Tellerrand in andere Bereiche Deutschlands hinausgeblickt hat, war der Kulturschock groß, als es mich zum ersten Mal für länger als einen Kurzurlaub jenseits der westdeutschen Grenzen verschlug – und zwar nach Sachsen.

Ausgerechnet nach Sachsen.

Dem Bundesland mit dem sexiesten deutschen Dialekt. Wenn man auf der Skala ganz unten anfängt.

~*~

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich das erste Mal mit BlaBlaCar nach Dresden zu meinem damaligen Freund fuhr (ich war 16 und hatte keine Ahnung von der Welt) und neben mir saß ein Ur-Dresdner. Einer von der ganz eingefleischten Sorte. Der so Dinge sagte wie „Öisnböhn“ statt „Eisenbahn“ und „färtsch“ statt „fertig“. Ich musste die ganze Zeit schon breit grinsen – bis ich mit einem Mal dahinterkam, dass er das ernst meinte …

Nun muss ich zu meiner Verteidigung sagen, dass ich bis dato dem sächsischen Dialekt nie ausgesetzt war. In meiner westdeutschen Grundnaivität, die ich als Tee-Nager an den Tag legte, hatte ich einfach schlicht und ergreifend angenommen, dass alle in etwa so sprachen wie ich.

Jedenfalls war Dresden eine schöne Stadt, ich dachte mir nichts weiter dabei und vergaß kurze Zeit später diesen eher merkwürdigen Zwischenfall und Dialekt – bis ich dann schließlich drei Jahre später für eine längere Zeit zurück nach Sachsen kehren sollte. Dieses Mal zum Studium nach Leipzig.

Für alle, die Leipzig nicht kennen: Es ist eine echt schöne Stadt. Viel Grün, viel Freiraum, viele breit angelegte Straßen, und, da die Stadt glücklicherweise im zweiten Weltkrieg so gut wie vollständig verschont blieb, auch viele schöne Altbauten (zu erschwinglichen Preisen).

Jedenfalls war ich jetzt hier in Leipzig.

Frisch aus dem Haus und vollkommen unerfahren.

Und das erste Gespräch, was ich führe, ist mit einem Ur-Leipziger, der mir seine Wohnung zeigte, die ich für einen Monat zwischenmieten wollte.

Ich hab bis heute keine Ahnung, was der gute Mann mir sagen wollte. Ich habe einfach nur genickt, gelächelt, an den richtigen Stellen ein „Mhmhh“ von mir gegeben und gehofft, dass es keine Frage war.

~*~

Wenn Leute darüber reden, dass der Osten und der Westen Deutschlands zwei unterschiedliche Länder sind, dann haben sie recht (auch wenn wir uns meist in einer Sache einig sind: Dass Bayern nicht dazugehört).

Das fängt bei den Preisunterschieden an, was Lebenshaltungskosten und Miete betrifft, und hört bei der Sprache (nicht) auf. Missverständnisse und Unverständlichkeiten sind teilweise einfach vorprogrammiert.

~*~

An einen Zwischenfall kann ich mich noch besonders gut erinnern. Im ersten Semester saß ich bei einer Kommilitonin, ihrer Mitbewohnerin und einigen Freunden (allesamt Erzgebirger) in ihrer Küche und wir unterhielten uns über Haushalt (den genauen Kontext weiß ich leider nicht mehr), woraufhin ich meinte: „Ich muss heute noch spülen“.

Fünf Augenpaare fixierten mich mit einem Blick, der nicht nur völliges Unverständnis zeigte, sondern auch ganz klar ausdrückte, dass sie an meiner geistigen Zurechnungsfähigkeit zweifelten.

Meine Kommilitonin hakte also nach: „Spülen?“, fragte sie in diesem besorgten Tonfall, in den man verfällt, wenn man dem Gesprächspartner lieber noch eine Chance geben möchte, eine peinliche Aussage zu verbessern.

„Äh, ja“, erwiderte ich, vollkommen ahnungslos. In einem seltenen Anfall von Intelligenz setzte ich noch hinzu: „Also, mein Geschirr.“

Ein Aufatmen ging durch die Runde. „Ach, du meinst, den Abwasch machen!“

Ich runzelte die Stirn. „Ja, natürlich. Was denn sonst?“

Meine Kommilitonin verbiss sich das Grinsen. „Bei uns heißt ‚spülen‘ die Klospülung betätigen.“

„Oh“, sagte ich und verstand plötzlich die irritierten Gesichtsausdrücke. Schließlich hatte ich mich in ihrer Sprache gerade als Verrückte geoutet, die gerade mal einmal die Woche die Klospülung betätigt.

~*~

Sprache ist schwer, ganz besonders, wenn sie so unterschiedlich ist wie das Ost- und das Westdeutsche. Oder das britische Englisch und das Amerikanische.

Denn wie soll das mit der Kommunikation gutgehen, wenn sich eine Sprache nicht einmal darin einig ist, wie sie die Zeit ansagt?

Wie verschieden der Osten vom Westen dann tatsächlich ist, zeigt sich auch immer wieder gerne in den Gesprächen zwischen meiner guten Freundin Marie von „Everything is literary“, eine gebürtige „Ossi“, und mir.

~*~

Es ist ein gemütlicher Mittwochnachmittag und Marie und ich sind nach der Uni zu mir gefahren, um bei mir gemeinsam zu essen.

„… und als ich das dann hörte, dachte ich mir nur so, ‚Na, jetzt ist Polen offen‘“, beschwert sie sich über ein Seminar, das ganz offensichtlich keinen guten Eindruck bei ihr hinterlassen hat. Frustriert beißt sie in ihren schon fast ganz heruntergenagten Apfel.

Ich schließe die Wohnungstür auf, was mit dem Einkauf für das Essen in der Hand nicht ganz so einfach gelingt. „Das klingt echt mies“, sage ich und lasse sie eintreten. Wir entledigen uns unserer schweren Taschen und Schuhe und ich schleppe den Einkauf in die Küche. Sie folgt mir.

„Du hast ja keine Ahnung“, sagt sie und sieht sich um. „Wo kann ich meinen Griebsch wegwerfen?“, fragt sie.

„Ach, die Kitsche kannst du mir geben“, sag ich und ziehe meinen kleinen Biomülleimer hervor.

„Danke“, sagt sie und verschwindet im Badezimmer, um sich die Hände zu waschen.

„Da ist ein Kanker in deinem Bad“, sagt sie, als sie zurückkommt.

„Ja, das ist Thekla, mein ganz persönlicher Hausweberknecht“, grinse ich.

Während wir zusammen Essen kochen (das heißt, ich koche und sie steht daneben und unterhält mich), fällt das Gesprächsthema auf Freizeit.

„Ich hab gesehen, dass in der Stadt aktuell Send ist“, sag ich. „Kann das?“

„Ja, mein Freund und ich wollten nächstes Wochenende ein bisschen über den Rummel gehen. Da gibt’s dann ein Feuerwerk.“

Ich finde, das klingt nach einem schönen Plan fürs Wochenende, und das teile ich ihr auch mit.

„Dauert das noch lange?“, fragt sie dann. „Ich hab Knast. Ich könnte zwei ganze Goldbroiler verdrücken.“

„Nur noch ein paar Minuten“, vertröste ich sie.

Später, nach unserem gemeinsamen Essen, beschließen wir spontan ins Kino zu gehen. Das Kino ist bei ihr in der Gegend, weshalb wir noch einen kurzen Zwischenstopp bei ihr machen, damit sie noch ihre Tasche ablegen kann.

Der Film ist gut und popcorn- beziehungsweise in ihrem Fall nachogesättigt kommen wir schließlich zwei Stunden später aus dem Kinogebäude raus.

„Ih, es fisselt“, sage ich und halte meine Hand in den Regen. „Sollen wir warten, oder gehen wir trotzdem los?“, frage ich.

„Wir gehen trotzdem. Das bisschen Regen hat noch niemanden umgebracht“, beschließt sie, und ich stimme ihr zu.

Auf unserem Weg zur Straßenbahn wird der Regen immer stärker. Gerade so schaffen wir es noch, uns ins Wartehäuschen zu retten, bevor es uns richtig erwischt.

„Hätte es nicht dann pladdern können, während wir im Kino waren?“, murre ich und bin dankbar, eine Jacke mitgenommen zu haben. Die Bahn kommt glücklicherweise pünktlich, und kaum haben sich die Türen hinter uns geschlossen, hört der Regen auch schon wieder auf.

Marie seufzt erleichtert. „Gott sei Dank, nur eine Husche“, sagt sie. „Und, guck mal, Klärchen kommt auch schon wieder raus.“

Sie deutet auf die Sonne, die sich langsam, aber sicher hinter den schweren Regenwolken hervorschiebt.

„Ach, schön“, sage ich. „Dann kann ich mich ja gleich ganz entspannt zu Fuß auf den Heimweg machen.“

„Ist das nicht zu weit?“, fragt sie. „Sonst kannst du gerne bei mir übernachten.“

„Ne, danke“, erwidere ich, „ich fahr morgen heim und ich muss noch spülen.“


Ja, deutsche Sprache, schwere Sprache. Die Dialektunterschiede Ost und West machen das Ganze nicht leichter.

Aber damit das nicht so bleibt und wir nicht irgendwann hilf- und verständnislos nebeneinandersitzen, frustriert ob des Unverständnisses der anderen, wurde uns irgendwann klar, dass wir eine Übersetzungshilfe brauchten. Eine, die unsere typischen Ausdrücke, Redewendungen und Vokabeln entweder von West nach Ost oder von Ost nach West übersetzte.

Also beschlossen wir, selbst eine Liste an Vokabeln und Idiomen anzulegen, die für uns „typisch Ossi“ oder „typisch Wessi“ sind** und in der ihr auch die im oberen Text unterstrichenen Wörter wiederfindet. 

West Ost
Pfannkuchen Eierkuchen, Plinse
Berliner Pfannkuchen
Viertel vor (8:45 Uhr – „Viertel vor neun.“) Dreiviertel (8:45 Uhr – „Dreiviertel neun.“)
Viertel nach (8:15 Uhr – „Viertel nach acht.“) Viertel (8:15 Uhr – „Viertel neun.“)
Kerngehäuse, Kitsche Griebsch
OHP (Overheadprojektor) Polylux
Regenschauer, Wolkenbruch Husche, Regenhusche
Marienkäfer Mutzekiepchen
Kruste Kanten
Fisseln Nieseln
Pladdern, stark regnen Joschen (veraltet)
Ich habe Hunger Ich habe Knast
Grantig sein, knödelig sein („Er war heute mal wieder total knödelig.“) Dikschen („Du bist schon wieder nur am dikschen.“)
Sonne kommt raus. Klärchen kommt raus.
Spülen Abwasch/Aufwasch
Abziehen, Klospülung betätigen Spülen
Gebratenes Hähnchen Goldbroiler
Stulle Bemme
Metzger Fleischer
Plastik Plaste
Heftstreifen/Abhefter Aktendulli
Tante-Emma-Laden Konsum
Kirmes, Send (Münster) Rummel
Strohhalm Trinkröhrchen
Mett Gehacktes
Pannas Tote Oma
Leeze (Münster) Drahtesel, Fahrrad
Drömmeln („Der Verkehr war furchtbar. Es drömmelt nur vor sich hin.“) Sich in die Länge ziehen, zähflüssig sein. („Der Verkehr war furchtbar zähflüssig. Es zog sich alles so ewig in die Länge.“)
Beeil dich! Zieh‘n Finger!
Nu‘ mal hinne! Keks dich aus!
Jetzt schlägts 13! Dann ist Polen offen!
Plääte Glatzkopf
Prüddel Krimskrams
Weberknecht Kanker, Ganker, Spinnekanker
Niggeln (Warstein) („Das war ja klar. Da passiert ein Unfall und statt dass irgendjemand Hilfe holt, müssen sie alle wieder niggeln.“) Gucken („Beim Unfall haben sie alle nur geguckt, aber niemand hat daran gedacht, mal den Notarzt zu rufen.“)
Federmäppchen, Schlamper Faulenzer

 

 

*als „Zugezogene“ zweiter Generation hatte ich übrigens, bis ich im Studium war, noch nicht einmal eine Ahnung davon, dass es auch Münsteraner Platt, das sog. Masematte, gab. Und so etwas studiert Linguistik. Naja … So viel zum Thema Grundnaivität.

**Marie wuchs in Thale und Halberstadt auf, ich bin gebürtige Münsteranerin. Nicht alle Begriffe, die sich hier wiederfinden, sind in allen ost- bzw. westdeutschen Städten auch tatsächlich in Verwendung. Teilweise handelt es sich auch um rein regionale Wörter.