Eine Coerder Weihnacht

Im weitentfernten Westdeutschland liegt eine kleine Stadt namens Münster, ein unscheinbares Örtchen, das sich still und verwunschen irgendwo in Nordrhein-Westfalen zwischen Hier und Dortmund eingenistet hat.

Im Ortsteil Coerde befindet sich die Speicherstadt, in dem sich nun schon seit langem die LWL-Archäologie eingenistet hat. Nach außen hin ist nichts Ungewöhnliches festzustellen, wenn man durch Speicher 12 geht: Hohe Regale gefüllt mit grauen Pappschachteln voller Scherben säumen die langen Gänge. Auf Holztischen mit altmodischen Lampen stapeln sich Zeichenwerkzeuge, weißer Zeichenkarton und Pergamentpapier. Offene Bürotüren geben den Blick frei auf Zettelberge und Aktenstapel, achtlos beiseitegestellte Kaffeebecher und schwarze Computerbildschirme, an denen kleine, gelbe Notizzettel haften.

In einer Ecke im fünften Stock steht eine kleine Krippe und kündigt das bevorstehende Weihnachtsfest an, mit kleinen Plastikfigürchen von Maria und Josef und einem Jesuskind.

Irgendwo, zwischen den hohen Regalen und Zeichentischen verharrt eine recht ungewöhnliche Gemeinschaft: Die Drei Heiligen Könige stehen dort, gefolgt von einem kleinen, grauen Plastikelefanten und, in typischem Archäologenhumor, einem Neandertalerpärchen – aber ansonsten ist hier alles vollkommen normal, nichts Ungewöhnliches gibt es zu entdecken.

Und doch – wenn das letzte Licht in Speicher 12 erlischt und die letzte Zeichnerin ihr Pult verlassen hat, dann geschieht etwas Magisches. Etwas Unerwartetes. Etwas, von dem kaum jemand weiß.

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 „Öhm…“ Ein leises Hüsteln durchbrach die nächtliche Stille. Ein kleiner Kopf lugte um den Türrahmen eines Büros hinaus in den Flur. Dieser Kopf gehörte einer recht ungewöhnlichen Person. Er ragte ungefähr fünf Zentimeter über den staubigen Flurboden und blickte sich nun mit scharfen Augen um.

„Und? Was siehst du?“ Ein zweiter, etwa genauso großer Kopf blickte nun der ersten Figur über die Plastikschulter. Der Angesprochene verengte die Augen zu winzigen Schlitzen in dem Bemühen, in der Dunkelheit besser sehen zu können. Schließlich schüttelte er den Kopf.

„Nichts. Sieht aus, als hätten wir sie abgehängt.“

Caspar atmete erleichtert aus. Diese affenähnlichen Geschöpfe, die ihnen seit ihrer Ankunft im Speicher beinahe überall hin folgten, waren ihm leicht unheimlich gewesen. Sie konnten nicht sprechen, sondern starrten ihn und seine Begleiter nur immer mit großen, schwarzen Augen an und gaben hin und wieder Grunzgeräusche von sich. Äußert unangenehm. Er winkte seinem Hintermann zum Aufbruch. Als dieser jedoch kein Zeichen der Zustimmung von sich gab, wandte Caspar sich irritiert um. In der Finsternis konnte er den Umriss seines anderen Begleiters ausmachen, der sich gegen die Wand gelehnt hatte und nun anscheinend fest schlief, den regelmäßigen Atemzügen nach zu urteilen. Caspar gab dem Schlafenden einen Tritt in die Seite, woraufhin dieser sich abrupt aufrichtete. Melchior war der Jüngste in ihrer kleinen Gruppe, und die beiden anderen Könige hatten nicht selten ihre liebe Müh mit ihm.

„Die Luft ist rein“, zischte ihm Caspar zu.

Melchiors Augen weiteten sich. „Können wir Aufzug fahren?“, quietschte er aufgeregt.

Caspar rollte mit den Augen. Balthasar, der wieder wachsam den Flur beobachtete, beschloss, die Frage zu ignorieren.

„Immer noch nichts zu sehen. Dann kommt, lasst uns gehen und … Halt!“, rief er und blieb abrupt stehen, „wo ist Ambrosia?“ Die Anderen schauten sich um. Tatsächlich, die kleine Elefantin fehlte.

„Wo steckt sie denn jetzt schon wieder?“, rief Caspar irritiert. „Ambrosia?!“

Ein fröhliches Trompeten antwortete ihm. Die Könige blickten sich verwundert um und schließlich nach oben. Auf einer niedrigen, grauen Schachtel, die die Archäologen immer für ihre seltsamen Scherben verwendeten, stand die junge Elefantendame und winkte mit ihrem kurzen Rüssel.

„Ambrosia! Komm her, Kleine!“, lockte Balthasar sanft. Die kleine Elefantin trötete noch einmal beglückt über ihre gelungene Überraschung, sprang von der Kiste und plumpste etwas unsanft auf den Boden.

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In ihrer Krippe seufzte Maria schwer und richtete sich aus der sitzenden Position auf.

„So langsam könnte Josef aber echt mal zurück kommen“, murmelte sie. Wozu hatte man schließlich einen Mann, wenn der nie da war? Seitdem sie hier bei den Archäologen von Speicher 12 untergekommen waren, hatte die junge Frau ihren angetrauten Ehemann kaum noch zu Gesicht bekommen. Stattdessen lief Josef lieber stundenlang in der Gegend herum und bekam ganz glänzende Augen beim Anblick all der Schätze, wie er sie nannte. Maria konnte sich mit dem ganzen Krempel nicht wirklich anfreunden. Wenn es nach ihr ginge, hätte man die Hälfte weggeworfen. Sie würde nie verstehen, was an den ganzen nutzlosen Scherben und rostigen Metallsachen so interessant sein sollte.

Sie seufzte erneut und begann, ein wenig Ordnung in ihre kleine Holzhöhle zu bringen.

In diesem Moment kam Josef freudestrahlend angelaufen. In seinen kleinen Armen hielt er eine Münze.

„Maria, Liebes, schau mal was ich habe!“ Er hielt die für ihn viel zu große Münze hoch, damit Maria sie sehen konnte und keuchte unter der Anstrengung. Maria ignorierte ihn. Baby-Jesus lag in seinem Schaukelbettchen und krähte vergnügt, als er seinen Papa sah. Maria ging zu ihm hinüber, und strich ihm eine dunkle Locke aus der Stirn.

„So schau doch, Liebling!“

„Ja, Schatz …“

„Eine echte römische Münze!“

„Sehr schön, Liebster …“

„Und so gut erhalten!“, staunte Josef.

„Ja, Schatz …“ Maria hörte kaum noch zu. Vorsichtig hob sie Baby-Jesus aus seiner Krippe und begann ihn zu stillen.

„Mit einem Bild von Cäsar!“

„Sehr schön, Schatz …“ Sie unterdrückte ein Seufzen und warf einen resignierten Blick gen Decke.

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„Wo. Sind. Wir!“ Caspar wurde langsam ungeduldig. Die Umgebung um sie herum kam ihnen nicht bekannt vor, und auch der Lageplan, über den sie schon eine gefühlte Ewigkeit gebeugt standen, gab ihnen keine Auskunft darüber, wo sie sein könnten.

„Wir könnten nach dem Weg fragen“, schlug Klein-Melchior vor. Balthasar, der Älteste und Weiseste, schüttelte den Kopf.

„Wen sollten wir den fragen? Die Menschen sind alle schon vor Stunden heimgegangen und die Neandertaler können nicht sprechen“, seufzte er.

Melchior blinzelte verwirrt. „Nedander-was?“

Bevor er seinen kleinen Kollegen aufklären konnte, stutzte der weißbärtige König und sah auf zu einem kleinen Schild, das etwa eineinhalb Meter über dem Boden neben einer Bürotür festgenagelt war.

„Wenn ich das lesen könnte …“, murmelte er. „Wir müssen versuchen, da irgendwie auf das Regal zu klettern!“ Er deutete auf ein schwindelerregendes Gerüst, das in gewaltigen Höhen ragte.

„D-d-da rauf?“ stotterte Melchior schockiert. „Nie im Leben!“

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Maria wischte sich den Schweiß von der Stirn und betrachte ihr Werk. Nach mehreren Stunden des Putzens, Polierens, Sauberwischens und Sortierens hatte sie es endlich geschafft, so etwas wie Ordnung in ihren Stall zu bringen. Unterdessen war Josef wieder losgezogen. Maria hörte in regelmäßigen Abständen aus irgendwelchen Richtungen Ausrufe des Entzückens, wenn ihr Mann wieder irgendeinen verstaubten, verdreckten oder verrosteten Gegenstand fand. Sie kam nicht dahinter, warum er so ein Theater um ein paar Scherben machte, bloß weil man sie mit ein paar weißen Kennziffern am unteren Rand versehen hatte.

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 „N-n-nie wieder klettern wir auf s-so ein Ding!“ Melchior zitterte am ganzen Leib, als sie schließlich nach über einer Stunde des Kletterns das oberste Regalbrett erreicht hatten.

„Ach komm, so schlimm war es nun doch nicht!“, versuchte Caspar ihn zu beruhigen.

„Stell dir nur vor, da müssen wir auch wieder RUNTER!“

Balthasar trat mit ihrem kleinen Lageplan an den Rand des Regalbretts und versuchte das Schild an der Wand zu entziffern. Er schnalzte mit der Zunge. „Tja, es scheint so, als wären wir hier…“, er deutete auf den Lageplan, „…falsch aus dem Aufzug gestiegen. So was kann halt mal passieren.“

„Bloß weil unser Kleiner wieder Aufzug fahren wollte“, grummelte Caspar und warf Melchior einen strengen Blick zu. „Und wohin müssen wir dann?“

„Öhm … wir müssen jetzt eigentlich runter in die … Restaurierung … und von da … lass mich sehen … ja, dann hier wieder hoch …“, sagte Balthasar nach einem Blick auf die Karte.

„Können wir Aufzug fahren?“ Melchiors Augen leuchteten auf. „BIIITTTEE!“

Caspar spähte über den Rand nach unten, wo Ambrosia fröhlich umhersprang und Staubkörner mit ihrem Rüssel zu fangen versuchte. „Wenn wir es heile wieder bis nach unten schaffen …“

Draußen begann es bereits zu dämmern.

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Genau um fünf vor sieben fuhr ein silberner Opel vor den großen Eingangstüren von Speicher 12 vor und ein Mann mittleren Alters mit dunklen Haaren und Brille stieg aus. Mit schleppenden Schritten erklomm er die Stufen zum Gebäude, denn er hatte schlecht geschlafen und an diesem Morgen noch keinen Kaffee gehabt.

Er schloss die abgesicherten Türen auf und trat ein. In dem kahlen Flur hallten seine Schritte laut nach, während er sich der Mütze und den Handschuhen entledigte. Er drückte den Knopf für den Aufzug und wartete.

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Klein-Melchior war der erste, der das Rauschen des Aufzuges hörte.

„Hört ihr das?“, fragte er. Momentan hing er zwischen zwei Regalstreben auf halber Höhe auf dem Weg abwärts und hatte Mühe, sich festzuhalten. Caspar, der gerade Balthasar half, hielt inne. Als er ebenfalls den Aufzug hörte, wurde er ganz blass, und auch der alte Balthasar hatte diese Wendung der Ereignisse nicht vorgesehen. Unten trötete Ambrosia unsicher und tänzelte nervös auf der Stelle. Wie gebannt starrten sie alle auf die noch verschlossenen Aufzugtüren.

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In Gedanken abwechselnd bei seinem gemütlichen Bett, in dem die Freundin noch tief schlummerte, und einer heißen Tasse Kaffee, die er sich gleich erstmal ansetzen würde, fuhr der Archäologe mit dem Aufzug hoch in die fünfte Etage. Dabei tippte er ungeduldig mit dem Fuß auf den Gummiboden.

Der Aufzug wurde langsamer, kam schließlich ganz zum Stehen und die Fahrstuhltüren glitten schnurrend auf.

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„Ich kann mich nicht mehr halten!“ Melchior war den Tränen nahe. Seine Arme schmerzten, als er sich verzweifelt an dem Seil festhielt. Jeden Augenblick konnte der Mensch hereinkommen, und dann wäre es das gewesen. Ambrosia trötete und tänzelte panisch auf der Stelle.

„Halt durch, Melchior!“ Caspar versuchte, seinem Freund gut zuzureden, aber auch er warf immer wieder einen nervösen Blick Richtung Fahrstuhl.

Melchior schluchzte. Das Surren des Aufzugs wurde langsamer. Ambrosia hörte auf zu tröten und verharrte angespannt auf der Stelle.

„Hilfe“, konnte Melchior nur noch sagen, als die Kraft in seinen Händen ganz nachließ und er den Halt verlor. Im Fallen hörte er die Rufe seiner Freunde.

Die Fahrstuhltür glitt auf.

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Der Archäologe trat aus dem Aufzug und ging, in Gedanken immer noch bei der Tasse Kaffee, die in diesem Moment doch erreichbarer war als seine Freundin, in die Küche.

Er stutzte.

Langsam wandte er sich zu dem Rollregal, das neben seiner Bürotür stand, um und entdeckte zwei kleine Plastikfigürchen auf dem vorletzten Regalbrett. Sein Blick wanderte nach unten und landete auf der dritten, am Boden liegenden Plastikfigur, neben der ein kleiner Plastikelefant stand.

„He, na so was“, murmelte der Archäologe, hob die beiden Figuren hoch und stellte sie ebenfalls aufs Regalbrett. Die Plastikneandertaler waren nirgends zu sehen. „Wo habt ihr denn die anderen gelassen?“

Die Figürchen gaben keine Antwort.

Der Archäologe ging in die Küche und machte sich dran, den Kaffee zu kochen. Er holte eine weihnachtliche Tasse (ein Geschenk von seiner Freundin) aus dem kleinen Schränkchen und goss sich ein. Er seufzte, als er den ersten Schluck nahm.

„Übrigens“, sagte der Archäologe, als er wieder auf den Gang trat, „seid ihr falsch abgebogen. Die Krippe liegt in diese Richtung.“ Er deutete den Gang hinunter.

Die Figürchen sagten immer noch nichts.

Mit einem Lächeln betrat er im fünften Stock des Speichers 12.

Die Figürchen blinzelten.


Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr wünsche ich euch allen!

 

Diese Geschichte entstand erstmalig in ganz privatem Rahmen vor etwa fünf Jahren. Und wie in jeder guten Geschichte steckt auch hier ein Körnchen Wahrheit drin – denn die beschriebenen Plastikfigürchen der heiligen drei Könige werden tatsächlich jedes Jahr im Speicher 12 der LWL-Archäologie in Coerde aufgestellt. Jeden Morgen befinden sie sich an einem anderen Ort, bis sie dann, irgendwann, endlich an der Krippe ankommen.
Als mir meine Mutter, die als Zeichnerin für die LWL-Archäologie arbeitet, davon erzählte, musste ich sofort dieses kleine Geschichtchen verfassen. Ich hoffe, es hat euch gefallen.