Worldbuilding: Sprachentwicklung in der Apokalypse (Conlanging)

CN: Blut, gewaltsamer Tod, Endzeitszenarien, Pandemie, Zombies

Was wäre passender, als angesichts der aktuellen Situation über Apokalypsen zu schreiben?

Sprache und Gesellschaft gehen Hand in Hand. Unsere Sprache wird beeinflusst von unserer Kultur, unseren Weltanschauungen, unserem Denken. Sie verändert sich ständig. Neue Wörter kommen hinzu, alte Wörter verlieren an Bedeutung und fallen irgendwann komplett aus dem Wortschatz.

Sprache basiert auf Austausch, auf zwischenmenschlicher Kommunikation, auf einem Miteinander.

Was aber, wenn plötzlich dieses Miteinander wegfällt, und die Welt, wie wir sie kannten, vollkommen in sich zusammenbricht?

Apocalypse Now

Wir schreiben das Jahr 2195. Das Internet ist nicht mehr als eine blasse Erinnerung, und auch das Telefon ist nur noch aus Geschichten der eigenen Großeltern bekannt. Die Deutsche Post hat ihre Preise um das 1800-fache erhöht.
     Die eigentliche Gefahr liegt dort draußen. Jenseits der Grenzen des Landes und niemand weiß, ob sie jemals vorbei sein wird.
     Es begann mit einem Schnupfen. Ein harmloser, kleiner Niesanfall, ein Kribbeln in der Nase, das alle am Anfang belächelt haben. Die wenigen besorgten Bemerkungen von Seiten der Medizin wurden abgetan.
     Als der erste Zombie in den Straßen von Berlin gesichtet wurde, hielten es alle für einen Scherz. Einige filmten wie der Zombie einen der Passanten angriff und ihn niederrung, bevor er ihm den Bauch aufriss. Der junge Mann war tot bevor irgendjemand begriff, was gerade passiert war.
     Die Notärztin legte seine Todeszeit auf den 20.02.2020, 20:21 Uhr fest. Niemand ahnte damals, dass dieses Datum als der offizielle Beginn dessen angesehen werden würde, was Historiker später als „World War Z“ bezeichneten.
     Es gab keine Medizin, kein Gegenmittel. Kein Hinweis darauf, was die Infektion ausgelöst hatte, noch, wie sie aufgehalten werden konnte.
     Die Panik der Bevölkerung war nur durch massive Militäreinsätze unter Kontrolle zu bringen. Die erste Quarantäne dauerte zwei Jahre. Von denen, die nicht infiziert wurden, drehten wiederum viele durch die Kontaktsperre durch. Gewalt war keine Seltenheit, und wenn der Virus sie nicht in haltlose Killer verwandelte, so tat es die Angst.
     Die Zäune wurden errichtet, als klar wurde, dass sich nur so die Verbreitung eindämmen und kontrollieren ließ. Zu Beginn gab es noch regen Nachrichtenaustausch zwischen den einzelnen Nationen, aber nach und nach brach auch dieses Kommunikationsnetzwerk ab. Am 30.08.2036 strahlte der Sender ARD die letzte Tagesschau aus. Die BBC stellte ihren Dienst drei Wochen später ebenfalls ein.
     Dann kam der Hunger. Als die Lebensmittel knapp wurden und die Versorgung der Supermärkte ausblieb, begannen die ersten Einbrüche. Diejenigen, die auf dem Land lebten, konnten noch jagen – aber ein Risiko war es dennoch. Infiziertes Fleisch war oft nicht als solches erkennbar, und die Auswirkungen waren katastrophal.

Sie sagen, Hoffnung stirbt zuletzt. Aber was, wenn es nichts mehr gibt, worauf man noch hoffen kann?

Ich war an diesem Abend draußen beim Zaun und starrte hinaus in die Dunkelheit. Die Luft war schwül und schmeckte staubig, trotz meiner Atemmaske. Das stetige Summen des Zauns legte sich wie eine warme, sichere Decke über meine Ohren und drängte alle anderen Geräusche in den Hintergrund.
     Seit sechs Monaten war hier kein Zombie mehr gesichtet worden, aber wir trauten dem Frieden nicht. Hinter diesem Zaun lag Niemandsland. Ruinen von Häusern, deren Bewohner dem Virus zum Opfer gefallen waren.
     Was jenseits lag, und ob es überhaupt ein „jenseits“ gab, wussten wir nicht. Was mich betraf, waren wir die einzigen noch lebenden Menschen.
      Ein Knacken ließ mich aus meinen Gedanken aufschrecken und ich verstärkte den Griff um meine SFP9. Angestrengt versuchte ich, im schwachen Licht irgendetwas zu erkennen.
     „Wer da?“, rief ich.
     Es raschelte und ich drehte mich mit erhobener Waffe in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war.
     „Wer ist da?“, rief ich erneut. „Zeig dich.“
      Eine Gestalt löste sich aus den Schatten und kam langsam auf mich zu.
     „Bleib weg vom Zaun oder ich schieße!“, warnte ich.
     Die Gestalt wurde nun vom Licht der Laterne erfasst und ich wich erschrocken zurück.
     Seit ich meine Wache am Zaun begonnen hatte, hatte ich alles gesehen. Ausgestochene Augen, leere Wangen, madenzerfressene Eingeweide. Ich war überzeugt davon, dass mich nichts, was sich auf der anderen Seite befand, noch schockieren konnte.
     Ich hatte mich getäuscht.
     Denn der Mann, der mir gegenüberstand, lebte.
     „Wer bist du?“, fragte ich, die Pistole immer noch zitternd auf ihn gerichtet.
     Der Mann machte einen Schritt zurück, hob langsam die Hände und sagte etwas, das ich nicht verstand. Sein Ton war ruhig und beschwichtigend und auch die Art und Weise wie er sich verhielt, sollte mir zu verstehen geben, dass er kein Feind war.
     „Was hast du gesagt?“, fragte ich.
     Der Mann zog verwirrt die Augenbrauen zusammen. Er deutete auf sich und sagte „Amerikan.“
     Seltsamer Name, dachte ich und deutete dann auf mich selbst. „Fis.“
     „Fis?“, wiederholte der Mann. Ich nickte.
     „Zombie?“, fragte ich ihn und tat so, als würde ich in meinen Arm beißen.
     Er schüttelte den Kopf. „Arju hjuman tu?“, fragte er.
     „Ich? Nein, ich bin ein Mensch“, grinste ich und schüttelte den Kopf.
     Sein Gesicht verlor mit einem Schlag jede Freundlichkeit und im nächsten Augenblick hatte er seine Waffe auf mich gerichtet.

Eine Welt im Chaos

Ich liebe Endzeit- und postapokalyptische Romane und Filme. Sie sind in den meisten Fällen wirklich unglaublich gut gemacht und wahnsinnig spannend. Deswegen will ich mit diesem Beitrag auch keinesfalls irgendetwas kritisieren, sondern einfach nur meine zwei Cent in den Hut werfen und ein wenig über Sprachentwicklung und Weltenbau in einer postapokalyptischen Welt sprechen.

Was passiert eigentlich in einer Apokalypse?

Im Endeffekt geht die Welt unter. Entweder wortwörtlich, oder die Menschheit ist einer globalen Bedrohung auf irgendeine sehr kreative Art und Weise ausgesetzt. Von Naturkatastrophen über die hier erwähnten Zombies bis hin zu Aliens ist alles möglich.

Die Folgen sind immens, auch wenn ich wenige Filme (und Bücher) kenne, die sich über die eigentliche Katastrophe hinaus mit den Folgen beschäftigen und zeigen, wie die Überlebenden sich an die neuen Umstände anpassen. (Wenn ihr welche kennt, lasst es mich in den Kommentaren wissen, mir fällt nämlich nur Marvels „Endgame“ ein …)

Oftmals werden wir aber auch direkt in eine postapokalyptische Welt geworfen, in der die Gesellschaft bereits vollkommen an diese angepasst ist.

Eines der Dinge jedoch, die (auch in Sci-Fi) gerne unterschlagen wird, ist Sprache. Und vielleicht war ich zu voreilig mit meiner Aussage, dass ich nichts zu kritisieren habe, denn – ich kann mich an keinen Film, an kein Buch erinnern, wo nicht alle die gleiche Sprache (meist (eine Form von) Englisch) gesprochen und sich perfekt untereinander verständigen konnten, egal auf wen sie trafen.

Wie realistisch ist das überhaupt?

Heutzutage ist Englisch allgegenwärtig. Es ist eine alltägliche Sprache geworden, die wir alle irgendwie nutzen, zumindest im westlichen Raum und in unserer Generation.

Aber das verdanken wir der Globalisierung und in nicht geringem Maße auch dem Internet. Wir können reisen, Nachrichten in Sekundenschnelle ans andere Ende der Welt verschicken, mit Personen in anderen Kontinenten regen Kontakt behalten, und sind immer und überall vernetzt. Sprache wird davon beeinflusst, unser Wortschatz wird globaler und vor allem internationaler.

Denken wir uns aber eine Welt, in der es durch eine Katastrophe dazu gekommen ist, das all das wegfällt. Eine Welt, wie ich sie in meinem kleinen Szenario geschildert habe: Es gibt keine Möglichkeit mehr für uns zu reisen. Wir können das Land nicht verlassen, vielleicht noch nicht mal die Grenzen unserer Stadt überschreiten. Es gibt keine Kommunikation nach außen. Wir wissen nicht einmal, ob es die Außenwelt noch gibt.

Sprachentwicklung vs die Apokalypse

Wie könnte die Sprache sich also entwickeln in einer apokalyptischen Welt, in der es keinen Außenkontakt mehr gibt? Eine kleine Stichpunktliste soll das beispielhaft veranschaulichen:

  • Die Ruhe vor dem Sturm: Noch ist alles gut. Alle Nationen sind in regem Kontakt miteinander, Englisch (oder eine gleichwertig internationale Sprache) ist globale und internationale Handelssprache. Internet (oder ein vergleichbares Kommunikationsnetz) ermöglicht es allen Menschen (oder anderen), sich miteinander auszutauschen.
  • Der Ausbruch: Die Katastrophe beginnt, die Welt, wie die Menschen (o.a.) sie kennen, bricht zusammen. Wirtschaft stürzt ein, Handel wird eingedämmt, es sind kaum bis keine internationalen Handelskontakte oder Reisen mehr möglich. Das Internet (o.ä.) ermöglicht es allen weiterhin in Kontakt zu bleiben und sich zu informieren.
  • Das Drama eskaliert: Es gibt kein Entkommen mehr. Die Landesgrenzen werden geschlossen, die Kommunikation bricht ein, Misstrauen zwischen den Nationen herrscht, die Menschen (o.a.) haben Angst, das Haus zu verlassen.
  • Die neue Normalität: Kein Internet, keine Kommunikation außerhalb der Landesgrenzen, nichts. Das einzige, was die Menschen (o.a.) mit Sicherheit wissen ist, dass es nie wieder so sein wird wie früher.
    • Je nach Bedrohung können hier auch Waffen oder Bunker zum Alltag dazugehören, z.B. gegen Zombies, Atombomben, etc.
  • Die Sprache entwickelt sich weiter: Die Nicht-Muttersprachen werden verlernt und nicht mehr an Kinder weitergegeben, weil es keine internationale Kommunikation mehr gibt, für die diese nützlich wären. Neue Begriffe werden entwickelt, die aufgrund der erschwerten Transport- und Reisemöglichkeiten und der mangelnden interregionalen Kommunikation kaum weitergetragen werden. In Regionen mit Dialekt wird dieser wieder stärker ausgeprägt, da eine Standard-/“Hoch“-Sprache kaum noch Verwendung findet.
    • Mögliche Neologismen können sein:
      • Wörter für Waffen
      • Schimpfwörter für die Bedrohung (z.B. für Zombies)
      • Neue Berufsgruppen, die durch die Katastrophe entstanden sind
      • Wörter für Dinge wie „Das Gefühl, wenn du mit der Waffe zielst und genau weißt, dass du den perfekten Schuss machen kannst“ oder „Die Ungewissheit, wenn die Testergebnisse noch nicht da sind“, etc.
    • Je nach Szenario: Dystopische Geschichten haben oft korrupte Regierungen, die die Isolation zwischen Regionen verstärken wollen (z.B. Die Tribute von Panem). In solchen Fällen ist es nicht unüblich, dass sich Geheimsprachen in den einzelnen Regionen entwickeln, um zu verhindern, dass Unbefugte (das Militär/die Oberschicht/Spione) verstehen, was gesagt wird (vgl. auch Cockney Rhyming Slang). Eine gemeinsame Standardsprache ist hier noch existent, v.a. damit die Regierung zum Volk sprechen kann. Dialekte in den einzelnen Regionen sind jedoch nicht unüblich, und je nach Stärke und Zeitraum der Isolation (wenige Wochen vs. mehrere Jahrzehnte) ist die Kommunikation zwischen einzelnen Regionen nur mithilfe der Standardsprache möglich, da Dialekte und Geheimsprachen zu unterschiedlich sind.
  • Die Erlösung: V.a. auch in Dystopien, aber auch in der Apokalypse anzutreffen ist eine Person, die die Welt retten soll, will, oder kann. Alternativ stirbt die Bedrohung von alleine aus. Zunächst wird die eigene Region geöffnet und Kommunikation zu benachbarten Regionen hergestellt, Landesgrenzen (sofern sie noch bestehen) langsam wieder geöffnet, Waffen fallen gelassen, und das Ende des Kriegs gegen die Bedrohung verkündet. Der Rückkehr zur früheren Normalität wird über Generationen hinweg andauern. Kommunikation zwischen den Ländern ist schleppend bis unmöglich.
    • Je nach Szenario können frühere bilinguale Wörterbücher nur bedingt weiterhelfen, je nachdem, wie stark sich die Sprachen entwickelt haben.

 

Wie und in welche Richtung ihr eure Sprachen sich entwickeln lasst, ist natürlich euch überlassen. Die Daumenregel ist jedoch: je länger die Isolation andauert, je rigider sie ist, je kleiner der Bereich, in dem die Charaktere isoliert sind, desto größer sind am Ende die sprachlichen Unterschiede.

Und das Wichtigste: Habt Spaß!


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